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«Ein Klima des Islamo-Machismus»

Ein pensionierter Staatsbeamter kritisiert die französischen Muslimverbände. Sie verweigerten sich notwendigen Reformen.

In der Kritik: Dalil Boubakeur, Rektor der Grossen Moschee von Paris.
In der Kritik: Dalil Boubakeur, Rektor der Grossen Moschee von Paris.
AFP

Dalil Boubakeur hat die Imame in Frankreich aufgerufen, am kommenden Freitag ein Gebet im Gedenken an die Opfer der Anschläge von Paris abzuhalten. Der Rektor der Grossen Moschee von Paris sagte am Montagabend, mit dem Gebet solle Mitgefühl mit den trauernden Familien ausgedrückt werden. Boubakeur äusserte seine «Verzweiflung» angesichts «dieser unsäglichen Taten», die «absolut unschuldige Opfer» getroffen hätten. Er bat zudem, die Muslime nicht mit den Attentätern zu vermischen, die «sich Muslime nennen, aber auch Barbaren heissen könnten». Die französischen Muslime müssten nun den nationalen Zusammenhalt betonen.

Das sind wichtige Worte und Gedanken von Dalil Boubakeur. Nach Ansicht von Camille Desmoulins kann das aber nicht genügen als Engagement gegen die Extremisten in der muslimischen Gemeinschaft. Camille Desmoulins ist das Pseudonym eines pensionierten hohen Staatsbeamten Frankreichs. Der Autor eines Buches über den Islam in Frankreich äussert in einem Interview mit der Zeitschrift «Le point» harsche Kritik an den offiziellen Repräsentanten des Islam in Frankreich.

Junge Muslime werden nicht angesprochen

In der öffentlichen Debatte seien die muslimischen Verbände und Organisationen kaum wahrnehmbar, meint Desmoulins. Ihre Repräsentanten hätten nicht die nötige Autorität und Glaubwürdigkeit, um einen französischen Islam zu befördern, der auch die westlichen Werte lebt. Zudem habe der offizielle Islam eine Bürokratie aufgebaut, die vom Islam, aber nicht für den Islam lebt. Der Islam-Kritiker Desmoulins ist vor allem der Ansicht, dass sich die Islam-Repräsentanten zu wenig mit dem Jihadismus auseinandersetzen. «Sie sagen, dass der IS und der Jihadismus nichts mit dem Islam zu tun haben», führt Desmoulins aus, «aber sie müssen endlich aufhören, sich aus der Verantwortung zu ziehen.» Das ist so, als ob man behaupten würde, dass die Roten Brigaden in Italien nichts mit der kommunistischen Bewegung zu tun gehabt hätten.

Laut Desmoulins sind die offiziellen Institutionen der Muslime nicht in der Lage, die Lebenswelt der französischen Muslime zu verstehen und vor allem junge Menschen anzusprechen. Allzu viele Imame stammten aus dem Maghreb, man habe Imame aus Marokko und Algerien geholt. «Sie sprechen schlecht oder gar nicht Französisch. Sie sind eher Vertreter eines konservativen Islam.» Und dieser könne auch ein Nährboden für den Jihadismus sein. So könne es auch keinen religiösen Dialog geben, der den Bedürfnissen der französischen Muslime entspreche.

Auch der islamische Dachverband Frankreichs (CFCM) werde von Vertretern des maghrebinischen Islam dominiert, seine Repräsentanten hätten ein fortgeschrittenes Durchschnittsalter. Junge Menschen seien ausgeschlossen, Frauen sowieso. «Im CFCM herrscht das Klima eines Islamo-Machismus», kritisiert Desmoulins. Schliesslich gebe es auch nur wenige muslimische Intellektuelle, die sich in das religiöse Leben einmischten. Dabei brauche es einen Dialog, der den Extremismus einzudämmen vermag. Nötig sei ein französischer Islam, der sich an der Aufklärung inspiriert.

Auf Anfrage von «Le point» wollte sich der angegriffene Dalil Boubakeur nicht äussern. Die Kritik von Desmoulins ist nur ein Beispiel für die in Frankreich angelaufene emotionale Debatte, die nicht zuletzt in den sozialen Medien hohe Wellen schlägt.

Muslime befürchten «Tsunami des Hasses»

Nach den Terroranschlägen von Paris fürchten viele Muslime in Frankreich Ressentiments. Womöglich drohe nun ein «Tsunami des Hasses», erklärte Nadir Kahia vom Verband Banlieue Plus der Nachrichtenagentur AP. Die Mitglieder des Verbands seien schockiert über die Attentate. Kahia warb dafür, dass sich die Franzosen nicht auseinanderdividieren lassen und Ruhe bewahren.

Sorge vor einer wachsenden Islamfeindlichkeit herrscht in allen Ländern Europas, wo es grössere muslimische Gemeinschaften gibt. Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, forderte alle Muslime und muslimischen Verbände auf, sich ausdrücklich gegen die Gewalt zu stellen: «Wir Muslime müssen den Terror jetzt entschieden und für jeden laut hörbar verurteilen.» Das allerdings ist in den letzten Tagen bereits geschehen. Muslime in der ganzen Welt distanzierten sich nicht nur von den Anschlägen in Paris, sondern auch von sämtlichen Gewalttaten, die der IS im Namen ihrer Religion verübt. Damit wollten sie sich auch zur Wehr setzen gegen eine pauschale Verurteilung, die ihnen als Muslime eine Mitverantwortung für Gewaltakte zuschreibt. Als mediales Sprachrohr nutzen sie dabei eine Kampagne, die junge britische Muslime schon im Herbst 2014 starteten: «Not in my name».

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