Ein mysteriöser Todesfall wird zur politischen Affäre

Ein junger Amerikaner sticht nach einem Drogendeal in Rom einen Carabiniere tot. Die politische Rechte schlachtet den Fall aus.

Carabiniere Mario Cerciello Rega wurde am Montag in seinem Heimatort Somma Vesuviana zu Grabe getragen. Foto: Andrew Medichini (AP)

Carabiniere Mario Cerciello Rega wurde am Montag in seinem Heimatort Somma Vesuviana zu Grabe getragen. Foto: Andrew Medichini (AP)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Den Sarg haben sie in eine Trikolore gehüllt, wie man das bei Gefallenen tut. In Somma Vesuviana, einer Stadt am Vesuv, ist ein Carabiniere zu Grabe getragen worden, als wäre es ein Staatsbegräbnis. Das erste Programm des italienischen Staatsfernsehens übertrug live. Alle wichtigen Persönlichkeiten der Regierung waren dabei, unter anderem die beiden Vizepremiers, Matteo Salvini und Luigi Di Maio. Auch der Parlamentspräsident war da.

Mario Cerciello Rega war 35 Jahre alt, als er getötet wurde. In Rom, wo er arbeitete. Er habe ein grosses Herz gehabt und sich für Obdachlose eingesetzt, heisst es. «Ein gutmütiger Mann mit grossen blauen Augen», so beschrieben ihn die Moderatoren, immer und immer wieder.

Der Dealer mit dem Velo

In der ersten Reihe der Trauer­gemeinde sass seine Frau, Maria Rosaria, mit Sonnenbrille. Die beiden hatten erst vor einem Monat geheiratet. Die Bilder ihrer Hochzeit, wie sie am Wochenende in allen italienischen Medien zu sehen waren, haben den Italienern das Herz zerrissen. Ein junges Glück, sie ganz in Weiss, er in Uniform.

In der Nacht seines Todes trug Cerciello keine Uniform, obschon er im Dienst war. Und das ist nur eine von vielen Ungereimtheiten in diesem mysteriösen Kriminalfall, der sich schnell, wohl viel zu schnell, zu einer politischen ­Affäre auswuchs.

«Sie sollen im Knast verrotten», twittert Giorgia Meloni, Chefin der Partei Fratelli d’Italia, als noch alle einer Falschmeldung aufsitzen.

Sie beginnt in der Nacht auf Freitag in Trastevere, dem liebsten Ausgehviertel der Römer. Im Sommer, wenn die Einheimischen die Stadt verlassen, gehört sie fast ganz den Touristen. Zwei junge Amerikaner, 18 und 19 Jahre alt, aus San Francisco, untergebracht in einem Viersternhotel mit den Eltern von einem der beiden, sind auf der Suche nach Kokain. Ein italienischer Dealer mit Velo, 47 Jahre alt, bringt sie zu einer ruhigen, dunklen Piazza in Trastevere. Überwachungskameras nehmen die Szene auf. Statt Kokain verkauft er ihnen fein ­geriebenes Aspirin.

Den Polizisten für den Dealer gehalten

Als die jungen, betrunkenen Männer den Betrug bemerken, stehlen sie den Rucksack des Pushers mit allen Dokumenten drin und türmen. 100 Euro, wenn er die Tasche wieder zurückwolle. Der Drogenhändler willigt ein. Man verabredet sich in einer Seitenstrasse des Hotels der Amerikaner in Prati, dem Viertel in der Nachbarschaft des Vatikans. Doch dann passiert etwas Erstaunliches: Der Dealer wählt die 112, die Nummer der Carabinieri, und meldet den Diebstahl. Alles sei weg, auch seine Karte mit der Steuernummer. Welcher Dealer ruft schon die Polizei?

Zum vereinbarten Treffpunkt, mitten in der Nacht, erscheinen dann zwei Carabinieri, einer von ihnen ist Cerciello. Beide sind zivil gekleidet. Normalerweise rücken sie in solchen Fällen mindestens zu viert aus, für den Notfall. Und in Uniform. Was dann genau geschieht, ist nicht dokumentiert: Die Sicherheitskamera fällt ausgerechnet in diesen Minuten aus. Die Obduktion ergibt, dass der junge, schmächtige Amerikaner Cerciello von hinten angreift und elfmal mit einem Messer auf ihn einsticht.

Keiner der Beamten zieht seine Pistole. Zunächst ist nicht einmal sicher, ob sie bewaffnet sind. Die Tatwaffe ist ein Bajonett, das der junge Mann im eingecheckten Koffer von daheim mitgebracht haben soll. Die Ermittler finden es wenig später im Hotelzimmer, geputzt und versteckt. Die Amerikaner werden verhaftet, einer gesteht im Kommissariat. Er sagt, er habe den Polizisten für einen Dealer gehalten.

Verwirrung um die Täter

Die römische Lokalzeitung «Il Messaggero» berichtet rasch – und falsch. Die Täter? Zwei Nordafrikaner, schreibt das Blatt, es beruft sich auf die Angaben des Dealers. Und so nimmt im Netz der Wettstreit um den härtesten Post seinen Lauf.

Innenminister Matteo Salvini re-twittert den Bericht des «Messaggero» und schreibt dazu, der Mörder habe ein ganzes Leben hinter Gittern und unter Zwangsarbeit verdient. Giorgia Meloni, Chefin der postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia, die immer fürchtet, von Salvini rechts überholt zu werden, findet nun, Italien dürfe nicht mehr das «Auffangbecken dieser Bestien» sein – gemeint sind wohl Migranten aus Afrika. «Sie sollen im Knast verrotten», fügt Meloni noch an.

Als kurz darauf klar wird, dass es sich um zwei Amerikaner aus betuchten Familien handelt, erinnert Matteo Salvini daran, dass Mördern in den USA die Todesstrafe drohe. Es hört sich so an, als würde Italiens Innenminister Amerika ein bisschen darum beneiden.

Vorwürfe aus den USA

Am Wochenende veröffentlichte «La Stampa» dann ein kompromittierendes Foto. Es entstand in der Nacht des Verhörs auf der Wache. Man sieht darauf den Freund des mutmasslichen Mörders: sitzend, leicht vornübergebeugt, mit verbunden Augen, die Hände in Handschellen auf dem Rücken. Wer es aufgenommen hat, ist nicht klar.

Das Foto sorgt nun für viel Aufregung. Amerikanische Medien werfen den Italienern vor, den Angeklagten unmenschlich behandelt zu haben, gegen alle Regeln und gegen die Menschenrechte. Die römische Staatsanwaltschaft hat eine Ermittlung eröffnet. Der Carabiniere, der den jungen Mann an den Stuhl gebunden hatte, gab vor, er habe verhindern wollen, dass dieser die herumliegenden Dokumente sehen könne. Suspendiert wurde er trotzdem.

Salvini aber versteht die Aufregung nicht: «Wer sich jetzt beklagt», twitterte er, «den will ich daran erinnern, dass das einzige Opfer, das unsere Tränen verdient, ein Mann ist, ein Sohn, ein Ehemann von 35 Jahren, ein Carabiniere, ein Diener des Vaterlands.» Und so wird aus einer schummrigen vermischten Meldung aus einer römischen Sommernacht eine politische Saga.

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