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Ein SOS, das Europa nicht länger ignorieren kann

Nach der jüngsten Flüchtlingskatastrophe reiste Matteo de Bellis nach Lampedusa. Der Amnesty-Aktivist berichtet von schrecklichen Geschichten der Überlebenden im Mittelmeer.

Gefährliche Fahrten nach Europa: Überlebende Flüchtlinge vor der sizilianischen Küste im Mittelmeer.
Gefährliche Fahrten nach Europa: Überlebende Flüchtlinge vor der sizilianischen Küste im Mittelmeer.
Keystone

«Heute Morgen haben sie die Särge nach Sizilien gebracht. Ohne Vorwarnung, wir erfuhren es aus dem Fernsehen. Wir hätten sie niemals ohne Blumen gehen lassen.» Das war die Reaktion eines Einwohners von Lampedusa auf die feierliche Prozession von Leichenwagen, mit der das jüngste Ereignis in der langen Reihe der Schiffskatastrophen vor der kleinen italienischen Insel seinen vorläufigen Abschluss fand. Inzwischen kann man die Schlagzeilen schon fast voraussagen, doch sie machen deswegen nicht weniger betroffen: «Über 300 Tote bei der jüngsten Flüchtlingstragödie.»

Unmittelbar nach der Katastrophe vom 8. und 9. Februar bin ich nach Lampedusa gereist, um Überlebende zu den qualvollen Ereignissen zu befragen. Gemäss den Angaben der wenigen Dutzend Menschen, die überlebt haben, versanken drei der vier Schlauchboote, die von Libyen aus gestartet waren, in den düsteren Tiefen des Mittelmeers. Jedes von ihnen hatte etwa 105 Menschen an Bord, die meisten von ihnen stammten aus Westafrika.

Flüchtlinge in überfüllte Boote gezwungen

Zuvor hatten sie den Menschenschmugglern rund 650 Euro pro Kopf für die Fahrt übers Mittelmeer bezahlt. Am 7. Februar wurden die Flüchtlinge dann mit vorgehaltener Waffe gezwungen, in die überfüllten Boote zu steigen. Auf stürmischer See wurden sie während der folgenden zwei Tage zwischen Libyen und Lampedusa zum Spielball der Wellen, die immer mehr Menschen über Bord spülten. Sie sendeten ein Notsignal aus. Doch unter tückischen Verhältnissen schutzlos den Elementen ausgeliefert, überlebten die meisten von ihnen – rund 300 – nicht lange genug, um gerettet zu werden.

Die italienische Küstenwache reagierte bewundernswert. Nach langen Stunden des mühseligen Rettungseinsatzes gelang es ihr, aus einem der in Seenot geratenen Boote 105 Menschen aufzugreifen, darunter auch drei Kinder. Doch das war noch nicht das Ende der Qualen: 29 der geretteten Migrantinnen und Migranten starben an Unterkühlung. Eines der vier Schlauchboote wurde nie gefunden, und von den anderen zwei Booten konnten Handelsschiffe nur gerade eine Handvoll Überlebende dem Meer entreissen.

3500 Tote im letzten Jahr

Die Geschichten der Überlebenden sind schrecklich. Ein junger Mann aus Mali, beschreibt den Horror, dessen Zeuge er wurde: «Die Menschen begannen ins Meer zu fallen. Jede Welle riss zwei bis drei von uns hinweg.» Im Boot bis zum Bauch im Wasser, klammerte er sich die ganze Nacht an ein Tau, kämpfte ums nackte Überleben. Als er schliesslich von einem Handelsschiff gerettet wurde, waren von über hundert Menschen, die in Libyen an Bord des Schlauchboots gestiegen waren, nur noch er und ein anderer Mann übrig. Die erschütternde Tragödie reiht sich ein in eine düstere Liste ähnlicher Ereignisse.

Das UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) schätzt, dass 2014 fast 3500 Menschen auf derselben Route ums Leben gekommen sind. Das Mittelmeer ist damit das tödlichste Meer für Migrantinnen und Migranten. Gemäss der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden viele der Männer, Frauen und Kinder, die – oft auf der Flucht vor Krieg und Unterdrückung – die Überfahrt wagten, Opfer erbarmungsloser Verbrecherbanden, die aus ihrer Not Profit zu schlagen versuchen.

Weitere Zunahme der Flüchtlinge

Tausende von Menschen wagen jeden Monat die gefährliche Überfahrt, und alle Prognosen deuten auf eine weitere Zunahme. Schon am Wochenende nach dem letzten Unglück stieg die Zahl der Flüchtlinge und Migranten, die sich übers Mittelmeer aufmachten, weiter an, und je mehr Libyen in der Gewalt versinkt, desto mehr werden es sein. Die italienische Küstenwache bestätigte, dass sie selbst sowie Handelsschiffe zwischen Freitag und Sonntag, dem 13. bis 15. Februar, über 2800 Migrantinnen und Migranten retteten.

Die Gleichung ist simpel: Je mehr Menschen für diese tödliche Reise alles riskieren und je weniger Ressourcen in Such- und Rettungsoperationen investiert werden, desto mehr Menschen werden sterben. Amnesty International hatte diese schreckliche Entwicklung vorausgesagt, als die Politiker der Europäischen Union letztes Jahr Italien zur Aufgabe der Operation Mare Nostrum drängten.

«Europa ist komplett abwesend»

Die neue gesamteuropäische Grenzkontrolloperation Triton verblasst im Vergleich. Zwar waren auch Triton-Einheiten übers Wochenende an Rettungsaktionen beteiligt, doch ihr Fokus liegt nicht auf Suche und Rettung, und Triton hat die Vorgabe, nicht weiter als 30 Meilen von der italienischen Küste entfernt zu operieren, sich also von internationalen Gewässern fernzuhalten, wo Flüchtlingsboote häufig die grössten Schwierigkeiten haben. Während der jüngsten Lampedusa-Tragödie lag das wichtigste Triton-Schiff Hunderte von Kilometern entfernt in Malta im Dock.

Europas schwache Antwort angesichts einer riesigen und wachsenden humanitären Katastrophe ist herzlos und schreit zum Himmel. Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, brachte es auf den Punkt, als er zu mir sagte: «Wenn die Toten ankommen, fühlt man sich geschlagen. Man wundert sich, warum sich nie etwas ändert. Europa ist komplett abwesend – man braucht nicht politischer Experte zu sein, um das zu verstehen.»

Europas Regierungen sind mitverantwortlich

Führende europäische Politiker beteuern, dass sie Kriegs- und Gewaltflüchtlingen helfen wollen. Doch hinter den Kulissen machen sie die Schotten der «Festung Europa» dicht, um Menschen an der Einreise nach Europa zu hindern. Grenzzäune hochziehen, Flüchtlingsboote ins Meer zurückstossen, sie sogar mit Gummischrot beschiessen – alle erdenklichen Methoden der Abschreckung kommen zur Anwendung.

Mehrere europäische Regierungen haben sich für die Einstellung der Operation Mare Nostrum eingesetzt, um den Strom der Flüchtlinge zu stoppen. Jetzt sollten sie Verantwortung übernehmen. 300 Familien suchen nach ihren Angehörigen, die man nie finden wird. Dass europäische Politikerinnen und Politiker den Kopf in den Sand stecken, während vor ihrer Haustür Menschen in Scharen sterben, ist inakzeptabel. Jede einzelne europäische Regierung ist mitverantwortlich, eine taugliche Antwort auf das jüngste Notsignal zu finden.

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