Eine fast perfekte grüne Welle

Die deutschen Grünen wetteifern mit der Union um den ersten Platz in den Umfragen.

Forsche Zuversicht ohne moralischen Zeigefinger: Annalena Baerbock und Robert Habeck, das Führungsduo der Grünen. Foto: Jens Schlüter (Getty Images)

Forsche Zuversicht ohne moralischen Zeigefinger: Annalena Baerbock und Robert Habeck, das Führungsduo der Grünen. Foto: Jens Schlüter (Getty Images)

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Schon einmal schossen die deutschen Grünen, diese vermeintlich ewige «10-Prozent-Partei», in den Umfragen auf gegen 30 Prozent hoch. 2011 war das, nachdem die Atomkraftwerke in Fukushima geborsten waren. Das Hoch katapultierte in Baden-Württemberg danach noch den Grünen Winfried Kretschmann ins Amt des Ministerpräsidenten. Zwei Jahre später war der Höhenflug beendet: Bei der Bundestagswahl 2013 landeten die Grünen bei 8 Prozent – wie wenn nichts gewesen wäre.

Die Werte-Partei

Acht Jahre später sind die Grünen wieder die Partei der Stunde. Aber vieles ist anders als damals. In Bayern, in Hessen und zuletzt bei der Europawahl haben die Grünen die Sozialdemokraten überflügelt. Seither schlossen sie zu den Christdemokraten auf, ja, überholten diese zeitweise. Je jünger, desto grüner wählen die Deutschen heute. Drei von fünf glauben, dass die Grünen sich am stärksten für ihre Werte einsetzten, egal, ob es um Umwelt, Europa oder Flüchtlinge geht.

Mit Fukushima katapultierte 2011 eine unvorhersehbare Katastrophe ein Kernthema der Grünen an die Spitze der Agenda: den Ausstieg aus der Atomkraft. Diesmal wühlt eine vorhersehbare Katastrophe die Menschen auf. Nach einem Hitzesommer formierte sich im vergangenen Jahr eine Jugendbewegung, die verhindern will, dass das Klima kippt. Vielen Deutschen wurde erst durch deren radikale Forderungen bewusst, wie viel Zeit Union und SPD zuletzt vergeudet hatten und wie sehr es eilt, will man den Kollaps noch vermeiden. Niemand vertritt diese neue Dringlichkeit überzeugender als die Grünen.

Welche Themen den Bürgern die wichtigsten sind, vermögen die Parteien nur in geringem Masse zu beeinflussen. Ob sie bereit sind, wenn ihre Anliegen hochkochen, hingegen schon. Viele Parteien erneuern ihre Führung in der Krise, meist, wenn es schon zu spät ist. Die Grünen taten es Anfang des letzten Jahres einfach, weil sie Lust auf neue Gesichter hatten. Schmerzlos schoben sie dafür Cem Özdemir zur Seite, einen der populärsten deutschen Grünen überhaupt.

Seit ihrer Gründung hatten die Flügelkämpfe zwischen «Fundis» und «Realos» die Partei zerrissen und gelähmt. Und nun wählte diese mit dem 49-jährigen Robert Habeck und der 39-jährigen Annalena Baerbock auf einmal zwei wenig ideologische Pragmatiker an die Spitze. Die Grünen bewiesen damit Gespür für den historischen Moment – und hatten auch Glück: Habeck und Baerbock entwickelten sich im Nu zum neuen «Traumpaar der deutschen Politik».

Streit war früher

Die beiden zankten nicht nur nicht miteinander wie früher, sondern zogen freudig am selben Strick. Habeck, früher einmal Schriftsteller und Philosoph, sorgte für den nachdenklichen, menschelnden Sound, der in der Politik selten ist, aber den Grünen gerade ausgezeichnet steht. Kuschelweich spricht der Lübecker davon, dass radikal das neue realistisch sei – lässt aber von tatsächlich radikaler Politik wohlweislich die Finger. Baerbock wiederum entpuppte sich als idealer Ausgleich: Sie strahlt forsche Zuversicht aus, hält den Laden zusammen und beherrscht die Details, wenn Habeck mal wieder Girlanden in die Luft malt.

Im Duett verscheuchten die beiden alte Vorurteile: Die Grünen seien jene verbiesterten Besserwisser, die in einem Anfall moralischer Überlegenheit meinten, die Republik das richtige Leben lehren zu müssen – und sei es mit einem Spritpreis von 5 Euro oder verordnetem Vegetarismus. Je mehr Habeck und Baerbock den hohen moralischen Ton mieden, desto mehr gewannen sie in der Mitte pragmatisch-bürgerliche Wechselwähler dazu. Aus der alten Dagegen- und Verbotspartei formten sie eine Kraft der Zukunft, die viele nicht früh genug regieren sehen können.

Die Schwäche der Gegner

Charisma, inhaltliche Vagheit und gute Laune verschmolzen dabei zu einem politischen Gesamtkunstwerk. Alle sollten sich bei den neuen Grünen zu Hause fühlen dürfen, ätzte die linke Berliner «Tageszeitung» kürzlich – ob sie Dosenbier tränken, Diesel führen oder um die Welt flögen: «Die Grünen sind im Moment eine riesige Projektionsfläche. Ein weisses Blatt Papier, auf das sich das im weitesten Sinne ökoaffine und progressiv fühlende Bürgertum seine Wünsche in bunten Farben malt, egal, ob links, liberal oder konservativ.» Im Grund sei das die Neuauflage des Erfolgskonzepts Merkel: irgendwie modern wirkende Vagheit, wie gemacht für unübersichtliche Zeiten.

Abgesehen von Themenkonjunktur und Personalglück profitieren die Grünen von nichts so sehr wie von der schweren Krise ihrer Gegner. Vom Regieren ausgelaugt, neigen die Christdemokraten seit Monaten nach rechts, die Genossen nach links, um ihre vermeintliche «Seele» wiederzufinden: Tatsächlich öffneten sie damit den Grünen in der Mitte einen Raum, wie diese ihn sich royaler nicht hätten erträumen können. Der Überdruss über die untergehende «Grosse Koalition», die längst keine mehr ist, katapultiert im Westen die Grünen als Alternative in die Höhe, im Osten die Alternative für Deutschland (AfD). Dieser Dynamik haben die anderen Parteien derzeit nichts entgegenzusetzen.

Konkret wird heikel

Nichts sehnen die Grünen und ihre Wähler deswegen mehr herbei als Neuwahlen. Kündet die SPD im Dezember die Koalition auf, wäre es möglicherweise schon im März 2020 so weit. Damit könnte wie nebenbei auch der alte Fluch brechen, dass die grüne Opposition meist zur Mitte der Legislatur in den Umfragen am höchsten steht, bis zur Wahl aber wieder auf das Startniveau zurückfällt.

Je näher der Wahltag rückt, desto stärker wachsen freilich auch die Risiken. Die Frage, ob und mit wem die Grünen das Kanzleramt anstreben sollen, könnte das bisher so harmonische Duo Habeck/Baerbock und ihre Partei entzweien. Was die zentralen Forderungen angeht, muss im Wahlkampf aus Vagheit Klarheit werden. Wer soll die Kindergrundrente bezahlen (10 Milliarden Euro jährlich), das ziemlich bedingungslose Grundeinkommen (30 Milliarden jährlich), die Investitionen des Klimafonds (100 Milliarden)? Sobald grüne Wünsche ein Preisschild bekommen, wächst in der Regel der Widerstand gegen sie, selbst in der eigenen, gutverdienenden Anhängerschaft.

Nach Fukushima zogen die Grünen mit einer Erhöhung des Spitzensteuersatzes und einer verschärften Erbschaftssteuer in den Wahlkampf. Diesmal heisst es bisher nur, man wolle die Steuereinnahmen aus Kapital, Gewinn und Vermögen erhöhen – egal, wie. Ein bisschen konkreter muss es dann schon werden.

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