Er glaubte nicht mehr an seine Rettung

Der Kreml hat 2015 den aufmüpfigen ukrainischen Regisseur Oleg Senzow zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt. Nun ist er frei.

Er sass seit über vier Jahren in einer russischen Strafkolonie: Regisseur Oleg Senzow: Foto: Wikipedia

Er sass seit über vier Jahren in einer russischen Strafkolonie: Regisseur Oleg Senzow: Foto: Wikipedia

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Genau ein Jahr vor seiner Freilassung hatte Oleg Senzow sein Testament gemacht. Er glaube nicht mehr an ein gutes Ende seiner Odyssee, erklärte der 43-Jährige. Er setzte seine Geschäftspartnerin als Verwalterin seiner Filme ein, seine beiden Kinder als Erben. Es sah düster aus für ihn damals. Seit über vier Jahren sass Senzow schon in einer russischen Strafkolonie, zu 20 Jahren war er verurteilt worden. Er befand sich seit Wochen im Hungerstreik, seine Familie warnte, dass er das nicht lange überleben werde.

Und dann stieg Senzow am Wochenende aus dem Flugzeug, das ihn von Moskau nach Kiew brachte. Gross, stark, ungebrochen. Er schüttelte Präsident Wolodimir Selenski die Hand, der wie eine kleine Puppe wirkte neben ihm. Der Regisseur dankte Selenski, der möglich gemacht hat, was so lange völlig ausgeschlossen schien. Bei dem Gefangenenaustausch mit Russland kamen 35 Ukrainer frei, unter ihnen auch die 24 Seeleute, die bei dem militärischen Zwischenfall in der Strasse von Kertsch im November 2018 unter internationalem Protest festgenommen worden waren. Es ist der erste grosse Erfolg für den neuen ukrainischen Präsidenten, einen Komiker, dem viele die hohe Politik nicht zutrauten.

In der Strafkolonie Weisser Bär

Während die 35 von der Ukraine freigelassenen Gefangenen ohne jede Zeremonie in Moskau ankamen, erwartete die Ukrainer in Kiew ein wahres Freudenfest. Senzow wurde von seiner 16-jährigen Tochter Alina empfangen, deren Hand er fortan nicht mehr losliess.

Die Russen hatten Senzow weit weggesperrt, obwohl sich die Welt für ihn eingesetzt hatte: Kurz vor Beginn der Fussball-WM appellierten letzten Sommer Menschenrechtler, Kulturschaffende, die EU, die deutsche Kanzlerin, der französische Präsident und viele andere an Putin, mit der Freilassung Senzows ein versöhnliches Zeichen zu setzen. Die Mutter des Regisseurs bat den Kreml-Chef Wladimir Putin verzweifelt um Gnade für den Sohn und alleinerziehenden Vater zweier Kinder. Doch der russische Präsident blieb hart. Senzow musste in der Strafkolonie Weisser Bär in Labytnangi bleiben, ein Ort, der noch hinter dem Polarkreis liegt. Im Sommer wird es dort gerade mal 14 Grad warm, im Winter dafür bis zu minus 50 Grad kalt.

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Der Künstler hatte mit seinem Film «Gamer» 2012 erstmals international Erfolg gehabt, ein Werk über einen Videospiel-Wettbewerb. Das nächste Projekt, ein Psychodrama über einen Mörder, blieb wegen Senzows Verhaftung unvollendet. Der Regisseur ist auf der Krim aufgewachsen, und dort geriet er auch ins Visier des Kremls. Er ist zwar ein ethnischer Russe, sympathisierte aber mit der Maidan-Revolution in Kiew.

Als die Halbinsel 2014 von Russland annektiert wurde, rebellierte er dagegen, versorgte die in ihren Kasernen eingeschlossenen ukrainischen Soldaten mit Essen. Er sei kein Leibeigener, den man mit seinem Stück Land weitergeben könne, hielt er den Russen wütend vor, die ihm die ukrainische Staatsbürgerschaft aberkannten. Als Einwohner der Krim sei er Russe, argumentierte ein russisches Gericht 2016, deshalb könne er leider nicht an die Ukraine ausgeliefert werden.

Senzow bestritt vehement, an den Anschlägen beteiligt gewesen zu sein. Trotzdem wurde er wegen Terrorismus zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt.

Warum ausgerechnet er mit solcher Härte behandelt wurde, ist bis heute unklar. Wirkliche Beweise gab es keine gegen ihn. Unabhängige Beobachter waren sich deshalb einig, dass mit dem Prozess ein Exempel statuiert werden sollte und die Vorwürfe gegen Senzow konstruiert waren. Der Regisseur wurde beschuldigt, einer «terroristischen Gruppe» angehört zu haben. Zusammen mit drei Kollegen, die ebenfalls vor Gericht kamen, soll er in den Büros russischer Parteien in Simferopol Feuer gelegt haben. Es gab Sachschaden, verletzt wurde niemand. Senzow bestritt vehement, an den Anschlägen beteiligt gewesen zu sein. Trotzdem wurde er wegen Terrorismus zu 20 Jahren Lagerhaft verurteilt.

Der Regisseur selber sagt dazu, der Kreml habe ihn dazu bringen wollen, gegen Führer der ukrainischen Maidan-Bewegung auszusagen. «Wenn sie den Befehl für die Anschläge gegeben haben, bekommst du sieben Jahre Haft. Wenn nicht, tja, dann bekommst du 20 Jahre», hätten ihm die Untersuchungsbehörden erklärt. Senzow ging nicht auf den Deal ein und musste die harten Konsequenzen tragen. Zumindest bis sein Schicksal am Wochenende doch noch eine Wende zum Besseren genommen hat.

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