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Er hat es schon wieder getan

Thilo Sarrazin legt mit «Europa braucht den Euro nicht» ein neues Buch vor, das bereits vor der Veröffentlichung für rote Köpfe sorgt. Im TV kam es gestern zum Showdown – mit Peer Steinbrück.

Martin Sturzenegger
«Deutschland bezahlt Geld als Busse für den Holocaust»: Thilo Sarrazin bei seinem gestrigen Auftritt in der Talkshow von Günther Jauch. (Screenshot: ARD)
«Deutschland bezahlt Geld als Busse für den Holocaust»: Thilo Sarrazin bei seinem gestrigen Auftritt in der Talkshow von Günther Jauch. (Screenshot: ARD)

Thilo Sarrazin veröffentlicht mit «Europa braucht den Euro nicht» ein Buch, über das die Öffentlichkeit laut streiten wird. Genaugenommen tut sie es jetzt schon – einen Tag bevor das Werk überhaupt veröffentlicht wird. Dafür ist ein Vorabdruck im deutschen Magazin «Focus» (online nicht verfügbar) verantwortlich. Wie dem Auszug zu entnehmen ist, wirft der ehemalige Bundesbankvorsitzende mit eurokritischen Thesen um sich. In seinem 2010 erschienenen Buch «Deutschland schafft sich ab» provozierte er noch mit Aussagen zur Migrationspolitik und löste damit einen Sturm der Entrüstung aus, der auch die Schweiz erreichte. Wir erinnern uns: Alle Juden teilen ein Gen und so.

Nun ist es wohl den Spitzfindigkeiten seines letzten Bestsellers zu verdanken, dass seine neue literarische Abrechnung bereits wieder an der Spitze der Amazon-Hitparade steht. Seine Thesen sorgen bereits für Aufruhr, ehe sie überhaupt vollumfänglich gelesen wurden. «Erbärmlich» oder «D-Mark-Chauvinismus» war beispielsweise das Erste, was Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin zu den neuen Sarrazin-Thesen über die Lippen rutschte.

Geld als Busse für den Holocaust

Doch um was genau geht es in dem Buch? In den Auszügen, die bisher zu lesen waren und die gestern in der Talksendung von Günther Jauch näher erläutert wurden, setzt Sarrazin den Holocaust und die europäische Währung in eine direkte Verbindung. Er wirft den Befürwortern von gemeinsamen europäischen Staatsanleihen vor, sie seien «getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach Busse für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben».

Reinhold Robbe, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und langjähriger SPD-Politiker, kritisierte letzte Woche lautstark, dass man SPD-Mitglied Sarrazin überhaupt noch eine Plattform für seine schwachsinnigen Thesen gewähre: «Darüber sollte man erst gar nicht diskutieren, geschweige denn sich mit ihm in eine Talkshow setzen.»

Steinbrück tritt gegen Sarrazin an

Doch genau das hat der ehemalige deutsche Finanzminister Peer Steinbrück gestern in der Talksendung von Jauch getan. Damit bot ausgerechnet der öffentlich-rechtliche TV-Sender ARD den beiden eine Plattform, um sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Für den Buchautor eine formidable Gelegenheit, Werbung für sein neues Werk zu machen, für Steinbrück eine Chance, die Thesen von Sarrazin bereits im Vorfeld der Veröffentlichung zu entzaubern.

Gemäss eigener Aussage hat Europa-Freund Steinbrück, der wie Sarrazin Mitglied der SPD ist, das ganze Buch «gelesen und verstanden». So nahm er seinen Parteikollegen zunächst in Schutz, «kein gefährlicher Mann» zu sein, nur um ihn danach umso heftiger zu kritisieren: Sarrazin habe zwar die «Geburtsfehler des Euro» – nämlich «das Fehlen einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik» – zutreffend beschrieben, doch was bei ihm fehle, sei «ein Konzept für die gegenwärtige Lage und die Zukunft».

Fahriger Sarrazin

Zwischendurch gingen in der Diskussion die Wogen hoch: Als Sarrazin in einem nicht enden wollenden Wortschwall ökonomische Zahlen und Fakten präsentierte, platzte es aus Ex-Finanzminister Steinbrück heraus: «Der Sarrazin kann hier den grössten Bullshit erzählen».

Das war es auch schon mit den Gehässigkeiten. Die Diskussion über die emotionsgeladenen Thesen verlief grösstenteils überraschend ruhig, besonnen und sachlich. Das schien Sarrazin zu verunsichern, der mit Fortdauer der Sendung einen immer fahrigeren Eindruck hinterliess. Nebst komplexen Theorien aus der Ökonomenabteilung brachte er das Argument ins Spiel, dass allein «die Summe aus Frieden, Demokratie und Wohlstand» und nicht eine gemeinsame Währung zur europäischen Einigung beitrage. Steinbrück gab schlagfertig zurück: «Dazu gehören aber auch noch unabhängige Gerichte, Sozialstaat, Trennung von Staat und Kirche, Presse- und Meinungsfreiheit sowie Aufklärung.» «Das ist Europa», so Steinbrück, «und von alledem finde ich bei Sarrazin nichts.»

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