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Europa ist auf die Welt gekommen

20 Jahre nach der Kapitulation des Realsozialismus ist auch der Realkapitalismus mit seinem Latein am Ende. Den Menschen in Mittel- und Osteuropa bleibt jetzt nur noch ein Kapital als Trost: die damals erkämpfte Freiheit.

Europa steckt bis über alle Ohren in der Wirtschaftskrise. Und trotzdem ist Europa reich: Es zählt 47 Staaten. Vor zwanzig Jahren waren es nur deren 35. 1989, da gab es den Eisernen Vorhang. Und das Gleichgewicht des Schreckens. Und den Kalten Krieg. Heute sind das Antworten auf Fragen in Kreuzworträtseln, Themen im Geschichtsunterricht und interaktive Schautafeln im Museum. Die Studenten von heute in Ost und West kennen das geteilte Europa nur vom Hörensagen. Doch es war eine Realität. Bis vor zwanzig Jahren.

Wessis und Wendehälse

1989, da gab es den Westen. Hier. Und es gab den Osten. Dort. Fern und homogen schien er uns. Und ganz schön fremd. Seither hat Europa fast alles erlebt: Die Mauer ist gefallen, und Deutschland hat sich wiedervereinigt. Die Wende hat den Wortschatz unserer Sprache bleibend bereichert, denn erst seither wissen wir, was Ossis, Wessis oder Wendehälse sind.

Jugoslawien hat sich in blutigen Kriegen selbst zerfleischt und aufgelöst. Heute gibt es das EU-Land Slowenien, Kroatien, Europas fragilstes Land Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Mazedonien und seit letztem Jahr auch Kosovo, Europas jüngster Staat.

Die Tschechoslowakei hat sich auf seltsame Weise im Parlament – und ohne einen Schuss – zweigeteilt. Der früher als rückständiger geltende Osten – die Slowakei – hat inzwischen den als dynamischer geltenden Westteil – Tschechien – überflügelt und gehört seit Jahresbeginn zur Eurozone. Und die Sowjetunion hat – nicht nur im europäischen Teil – krachend so manch einen ihrer Bestandteile verloren. Begleitet von Aufständen, Revolutionen und Machtwechsel. Anfang der 90er-Jahre jagten sich die Unabhängigkeitserklärungen. Die späte Nationsbildung und das Selbstbestimmungsrecht der Völker feierten Urständ, obwohl sogenannt fortschrittliche westliche Wissenschaftler dies im Zeitalter des zusammenwachsenden Europas eben noch als rückständig, unzeitgemäss und anachronistisch gegeisselt hatten.

Wegfall der Angst

Das Ergebnis für Europa: Estland, Lettland und Litauen kehrten auf die Landkarten zurück; die Ukraine, Weissrussland und Moldawien tauchten darauf auf. Der ganze Druck, der sich je nach Region unterschiedlich stark angestaut hatte, fand ein Ventil. Das Ende der Bevormundung und der Wegfall der Angst setzten ungeahnte Kräfte frei. Ein ganzer Kontinent stand plötzlich im Bann des Marktes und der Freiheit, die für die Menschen zunächst vor allem Rede- und Reisefreiheit bedeutete. Und aus dem Dampf, Nebel und Rauch, der sich allmählich verzog, wurden nach und nach Europas neue Konturen sichtbar.

Innerhalb der EU haben sich die neuen Mitgliedsländer rasch von Bittstellern zu zuweilen selbstbewussten Akteuren gemausert. Zwischen allen Stühlen aber sitzt Europas grösste Minderheit ohne eigenen Staat: Rund 10 Millionen Roma leben seit den Erweiterungsrunden von 2004 und 2007 innerhalb der Grenzen der EU. Das sind mehr als so manches EU-Land Einwohner zählt. Europa lernt sie eben erst kennen. Von einem Rezept zur Integration ist man weit entfernt.

Nach einigen tatsächlich oder vermeintlich von Roma begangenen Verbrechen wird die Minderheit in Italien pauschal zum Sündenbock gemacht. Der Volkszorn wächst, immer mehr Anwohner greifen zur Selbstjustiz – nach Kräften unterstützt von Medien und der Regierung. Dabei vermischen sich die Grenzen zwischen Roma und Rumänen, von denen es in Italien inzwischen rund 1,3 Millionen gibt. Die Grenzen zwischen individueller und kollektiver Verantwortung werden dort – und in ähnlicher Weise auch in Irland – plötzlich wieder fliessend.

Und schon tauchen am Horizont jene Fratzen der Vergangenheit auf, denen man in Europa nach dem Krieg nie mehr begegnen wollte: ethnische Stigmatisierung und Sippenhaft. Die alten Stereotypen und Vorurteile des Kalten Krieges, genährt aus Unkenntnis, Abschreckung und Missverständnissen, haben zwar ausgedient. An ihre Stelle aber sind neue getreten.

Europäische Seifenoper

Zwei Jahrzehnte nach der Wende hat sich Europa in mancher Hinsicht fast unbemerkt sogar in sein Gegenteil verkehrt: Will ein Europäer heute nach Russland, dann braucht er ein Visum, das gilt auch für die Balten, die in «ihre» frühere Sowjethauptstadt Moskau reisen. Führte vor 20 Jahren kaum ein Weg nach Westen, so führen heute nur wenige nach Osten.

20 Jahre nach der Kapitulation der Verteilungsfanatiker in den realsozialistischen Mangelwirtschaften sind auch die Wachstumsfanatiker im Realkapitalismus mit ihrem Latein gründlich am Ende. Ganz ohne Feind erleidet der entfesselte freie Markt Schiffbruch, und viele reiben sich die Augen ob den Scherben, die da nach 20 Jahren ganz unerwartet liegen. In Mittel- und Osteuropa ist die vom Westen verordnete Aufholjagd jäh gestoppt worden.

Europa 2009, das ist in Osteuropa längst nicht mehr der Traum vom fernen Eiffelturm und jener von der Gondelfahrt in Venedig. Europa heute, das ist Carrefour und Orange, Carla Bruni und Benetton. Die europäische Einheits-Seifenoper eben. Europa 2009, das ist die Jagd nach dem besten Angebot – ob aus Not oder aus Sucht.

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