Explosive Kriegsaltlasten in den Jahrhundertfluten

Die Überschwemmungen und Erdrutsche in Bosnien reissen Minen und Blindgänger aus dem Krieg in den 1990er-Jahren mit. Welche Gefahren drohen, sagt ein Experte der Schweizer Armee.

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Vincenzo Capodici@V_Capodici

Das verheerende Hochwasser der letzten Tage hat gemäss Behördenangaben explosive Altlasten aus dem Bosnienkonflikt von 1992 bis 1995 freigespült. «Minen sind jetzt in Gegenden aufgetaucht, wo nie welche gewesen sind», sagte Sasa Obradovic, ein Sprecher des bosnischen Minenzentrums. Experten zufolge könnte das Minenproblem durch die Jahrhundertfluten auch in die Nachbarländer gelangen: Bosnische Flüsse münden in die Save, die entlang der kroatischen Grenze nach Serbien fliesst und dort in die Donau mündet, die weiter durch Bulgarien und Rumänien zum Schwarzen Meer fliesst. Gemäss den bosnischen Behörden sind Minen bereits explodiert.

Minen bleiben funktionstüchtig

«Die Gefährdung hängt von der Art der Mine ab und wie sie durch das Hochwasser verfrachtet wurde», sagt Franz Bär, Chef humanitäre Minenräumung im Kompetenzzentrum für Kampfmittelbeseitigung und Minenräumung der Schweizer Armee (KAMIR). In Bosnien seien verschiedene Minen anzutreffen. Eine Panzermine werde vom Hochwasser sicher nicht so schnell mitgerissen wie eine wesentlich leichtere Personenmine. «Jedoch gilt für beide: Sie bleiben funktionstüchtig, reagieren weiterhin auf Druck.» Wie Bär weiter erklärt, hängt die Gefährlichkeit auch von der Lage ab, die die Mine nach der Verfrachtung einnimmt – ob sie zum Beispiel unter Erdmassen liegt oder obenauf, umgedreht oder seitlich. «Für die Auslösung einer Personenmine reicht ein Druck von 5 bis 7 Kilogramm», sagt Bär, «bei einer Panzermine sind es 150 bis 200 Kilogramm für eine Auslösung.»

Gemäss dem Minenräumungsexperten der Schweizer Armee lässt sich über die genauen Auswirkungen, welche das Hochwasser in dieser Problematik hat, noch nichts sagen. Das Minenkoordinationszentrum MAC werde die Karten bekannter Minenfelder abgleichen müssen mit dem vom Hochwasser betroffenen Gebiet. «Die Schwierigkeit besteht darin, das mit einer Verfrachtung die Logik eines Minenfeldes oder Minengürtels aufgehoben wird», erklärt Bär. «Das heisst: Wenn man vorher beim Fund einer einzelnen Mine auf ein bestimmtes (Verlege-)Muster schliessen konnte, wird man das nach einer zufälligen Verteilung durch Hochwasser nicht mehr können.» Und dies bedeutet laut Bär, dass die Gefahr dann überall lauert.

Über 150'000 Minen auf bosnischem Gebiet

Bosnien gilt als eines der am stärksten von Landminen verseuchten Länder der Welt. Während des jahrelangen Bürgerkriegs in den 1990er-Jahren setzten alle Seiten auf diese ebenso billige wie heimtückische Waffen. Die Frontverläufe änderten sich damals häufig. Aufzeichnungen über die Minenfelder existieren entweder gar nicht oder sind nur ungenau. Das erschwert und verzögert die Räumungsarbeiten enorm.

Die in München ansässige Organisation Deutsche Minenräumer gibt die Zahl der Minen in Bosnien mit etwa 220'000 an. Andere Organisationen veranschlagen sie niedriger zwischen etwa 150'000 und 200'000. Seit dem Ende des Bürgerkriegs starben der bosnischen Regierung zufolge fast 600 Menschen durch Minen oder Blindgänger.

Schweizer Armee hilft bei Minenräumung

Die Schweiz unterstützt Bosnien-Herzegowina seit Jahren bei der humanitären Minenräumung. Sollten auf Grund der Überschwemmungen zusätzliche Bedürfnisse entstehen, wird die Schweizer Armee entsprechende Anfragen der bosnischen Behörden prüfen. Für die Schweiz sei das Engagement in der humanitären Minenräumung weiterhin ein wichtiges Element ihrer Aussen- und Sicherheitspolitik.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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