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Flüchtlinge rebellieren gegen Unterbringung

Die Migranten auf Lampedusa protestieren gegen die Zustände im Auffanglager. Im Süden Europas ist die Zahl von Asylgesuchen zurückgegangen – im Norden dafür drastisch angestiegen.

Komplett überfüllt: Flüchtlinge warten im Auffanglager auf Lampedusa auf die Essensausgabe. (4. Oktober 2013)
Komplett überfüllt: Flüchtlinge warten im Auffanglager auf Lampedusa auf die Essensausgabe. (4. Oktober 2013)
Reuters

Auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa haben Flüchtlinge gegen ihre Unterbringung in einem Auffanglager protestiert. Sie warfen Matratzen aus den Gebäuden und versuchten, Busse mit Neuankömmlingen auf dem Weg ins das überfüllte Lager aufzuhalten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR teilte mit, die Lebensbedingungen in der Einrichtung seien «vollkommen inakzeptabel». Nach einem Brand im Herbst 2011 ist das Auffanglager nur noch auf 250 Menschen ausgelegt, zuletzt waren aber mehr als tausend Insassen dort untergebracht.

Vor der Küste der Insel setzten Taucher die Bergung weiterer Leichen aus dem am Donnerstag gesunkenen Flüchtlingsboot fort. Am Morgen seien 18 Tote an Land gebracht worden, so dass die Zahl der geborgenen Leichen nun bei insgesamt rund 250 liege, teilte die Küstenwache mit. Die Arbeit sei sehr anstrengend und schwierig für die Taucher. Diese ziehen die Leichen mit Hilfe von Seilen und Kabeln an die Wasseroberfläche. Von den rund 500 afrikanischen Flüchtlingen an Bord des Schiffes hatten nur 155 das Unglück überlebt.

In der Nacht retteten zwei Frachtschiffe mehrere Hundert Flüchtlinge aus dem Mittelmeer. Ein Schiff unter panamaischer Flagge nahm von einem in Not geratenen Boot etwa 100 Kilometer vor Sizilien 263 Menschen auf und brachte sie zu der Insel. Die Flüchtlinge identifizierten sich als Syrer und Palästinenser. Ein Frachter aus Dänemark brachte weitere 141 Menschen nach Sizilien, die nach eigenen Angaben ebenfalls aus Syrien kamen.

EU streitet um Zahlen

Nach der Tragödie streiten die EU-Staaten um eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen. Die geforderte Neuausrichtung der EU-Politik dürfte aber am Widerstand mehrerer Staaten, darunter Deutschland und Österreich, scheitern.

Beim heutigen Treffen der EU-Innenminister in Luxemburg zeichnet sich keine Mehrheit für eine Änderung der umstrittenen Regeln ab, wonach in Europa das Land, in dem ein Flüchtling die EU erreicht, für das Asylverfahren und die Unterbringung verantwortlich ist. So ist es in der sogenannten Regelung Dublin II vorgesehen.

Schweiz an sechster Stelle

In den 44 Industriestaaten sind im vergangenen Jahr 479'300 Asylanträge gestellt worden – das ist die höchste Zahl seit 2003. In absoluten Zahlen verzeichneten die USA 2012 die meisten Asylanträge (83'430), gefolgt von Deutschland (64'540) und Frankreich (54'940).

Hinter Schweden und Grossbritannien rangierte die Schweiz mit 25'950 Asylanträgen im Vergleich aller Industriestaaten weltweit an sechster Stelle, wie aus dem jüngsten Bericht des Uno-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR über Asyltrends hervorgeht. Die Zahl der in der Schweiz gestellten Asylanträge stieg demnach im Vergleich zu 2011 um einen Drittel.

Für den Zuwachs waren insbesondere zusätzliche Anträge aus Eritrea verantwortlich – seit mehreren Jahren Herkunftsland der grössten Asylbewerber-Gruppe in der Schweiz. Auch die Zahl der Anträge aus Nigeria verdoppelte sich.

Weniger Bootsflüchtlinge als 2011

83 Prozent aller Asylanträge in Europa gingen 2012 in EU-Staaten ein. Wie der UNHCR-Bericht weiter zeigt, stiegen die Asylanträge in den nordischen Staaten Europas drastisch an – plus 38 Prozent - , während sie im Süden deutlich zurückgingen – minus 27 Prozent.

«Dieser Rückgang ist vor allem auf weniger Bootsflüchtlinge in Italien zurückzuführen als Ergebnis einer geänderten Situation in Nordafrika, mit 15'700 Asylanträgen in 2012, weniger als die Hälfte der Zahl von 2011», heisst es in dem UNHCR-Bericht.

Unter den nordischen Staaten sticht dagegen Schweden als bevorzugte Destination heraus. Das skandinavische Land, das zahlreichen Flüchtlingen aus dem Syrien-Bürgerkrieg Asyl gewährte, verzeichnete im Vorjahr mit 43'900 Anträgen einen neuen Rekord.

Gemessen an Bevölkerung und Reichtum

Die UNHCR-Statistik sagt nichts über die Asyl-Anerkennungsrate aus. Auf Basis der UNHCR-Zahlen kann jedoch auch ein Vergleich der Asylanträge in Relation zur Bevölkerung der Industriestaaten angestellt werden. Das UNO-Flüchtlingshochkommissariats weist diese Zahlen für den Zeitraum 2008 bis 2012 aus. Hier rangiert die Schweiz mit 11,7 Asylanträgen auf 1000 Einwohner an sechster Stelle – hinter Malta (21,7), Schweden (16,4), Liechtenstein (16,1), Norwegen und Zypern (12,4).

Wenn die Zahl der Asylanträge in Relation zum Bruttoinlandprodukt pro Kopf gesetzt wird, ändert sich das Bild erneut: Die Schweiz findet sich jetzt nicht mehr unter den ersten zehn Aufnahmeländern. Wichtigste Staaten sind nach dieser Lesart Frankreich, die USA, Deutschland, die Türkei und Grossbritannien.

AFP/ami

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