Italienische Diebesbande löste Massenpanik aus, um zu stehlen

Mehr als ein halbes Jahr nach der Massenpanik mit sechs Toten in einer Diskothek bei Ancona sind sieben Verdächtige verhaftet worden. Die junge Bande skrupelloser Diebe zeigt keine Reue.

In diesem Club wurden sechs Menschen zu Tode getrampelt. Foto: AP

In diesem Club wurden sechs Menschen zu Tode getrampelt. Foto: AP

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Ihr dunkles Geschäft blühte in der Panik, im Nebel eines beissenden Gases. Im norditalienischen Modena hat die Polizei eine Bande verhaftet, die immer nach demselben Muster verfuhr: Sie mischte sich unter die Besucher von Diskotheken und Konzerten, wartete den passenden Moment ab, etwa den Einsatz von Trockeneis in einer Show, und sprühte dann Gas aus ihren mitgeführten Pfeffersprays in die dichten, rhythmisch wogenden Menschenmengen. In der Aufregung, die einsetzte, entrissen sie ihren Opfern Ketten, Uhren, Handys, Portemonnaies. Dutzende solche Überfälle soll die Bande verübt haben.

Die Medien nennen sie «Baby mostri», monströse Babys, weil sie noch so jung sind, ihre Fotos prangen nun in allen Zeitungen. Sechs der sieben Verhafteten sind zwischen 19 und 22 Jahre alt. Der siebte, ein Goldhändler aus Modena, ist 65. Er soll die jungen Männer rekrutiert haben. Er war es auch, der die Beute weiterverarbeitete – in seinem Laden, einem «Compro Oro». Pro Monat sollen so umgerechnet etwa 16'000 Franken reingekommen sein. Den «Baby mostri» wird aber nicht nur Diebstahl vorgeworfen, sondern auch schwere Körperverletzung mit Todesfolge in sechs Fällen.

Massenpanik ausgelöst

Eine ihrer Operationen endete tödlich: Am vergangenen 8. Dezember, im Club Lanterna Azzurra in Corinaldo bei Ancona, hatten sich mehr als 1200 junge Menschen in einen Saal gezwängt, der für 840 gedacht war. Sie warteten auf Sfera Ebbasta, einen bekannten Rapper, der dort für einen kurzen Auftritt angekündigt war. Er war spät dran und sollte am Ende gar nie in Corinaldo ankommen. Kurz nach Mitternacht, als sich schon Ungeduld breitmachte im Publikum, trat die Jugendbande in Aktion. Sie hatte den Club einige Wochen davor schon mal inspiziert, kannte den Saal genau.

Dann ging es ganz schnell. Das Gas löste eine Massenpanik aus. Hunderte stürmten gleichzeitig zu den Notausgängen, stolperten, trampelten einander nieder. Sechs Menschen wurden erdrückt: eine Mutter, die sich schützend vor ihre Tochter gestellt hatte, sowie fünf Teenager, 14 bis 16. Die Täter bestahlen sogar Helfer, die neben Verletzten kauerten, und entkamen dann im grossen Durcheinander.

Keine Reue

Die Ermittler fanden bald eine Spur. Sie hörten Telefonate mit, in denen die Männer auch über die Nacht in Corinaldo sprachen. Einer sagte: «Alle schrien, was für ein Spektakel.» Sie machten danach einfach weiter, beklauten auch schon mal die betagten Gläubigen nach der Messe. Und immer wieder Besucher von Nachtclubs. Zunächst jedoch verzichteten sie für eine Weile auf Pfeffersprays, weil die Kontrollen an den Eingängen der Lokale verstärkt worden waren. Es war ja nicht der erste Vorfall mit dem Wirkstoff, sie hatten sich gehäuft, im Norden des Landes. Im Juni 2017, beim Public Viewing des Champions-League-Finales zwischen Juventus Turin und Real Madrid, hatte auf der Turiner Piazza San Carlo eine andere Gang mit Pfefferspray eine Massenpanik ausgelöst. Zwei Frauen erlagen später ihren Verletzungen.

Die Bande von Corinaldo geriet schon nach kurzer Zeit zur Erkenntnis, dass es eben nichts Besseres gebe als den Pfefferspray. «Das Gas ist wieder in Mode», sagte einer am Telefon. Alle hätten schon vergessen, was passiert sei. Untereinander grüssten sie sich mit: «Hey, Mörder». Aus Spass. Der ermittelnde Staatsanwalt sagt, er habe bei der Gruppe «kein bisschen Reue» ausmachen können.

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