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Jeder Fünfte würde Sarrazin-Partei wählen

Thilo Sarrazins Thesen heizen die Integrationsdebatte in Deutschland weiter an. Gemäss einer Umfrage würde jeder fünfte Deutsche einer bürgerlichen Protestpartei zustimmen – falls ihr Chef Sarrazin hiesse.

Der Zuspruch von einem grossen Teil der Bevölkerung wäre ihm gewiss: Thilo Sarrazin.
Der Zuspruch von einem grossen Teil der Bevölkerung wäre ihm gewiss: Thilo Sarrazin.
Keystone

Die in der Politik heftig kritisierten Thesen von Bundesbank-Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin zur Integration stossen in der Bevölkerung auch auf Zustimmung. In einer von «Bild am Sonntag» veröffentlichten Emnid-Umfrage gab fast jeder Fünfte an, er würde eine von Sarrazin angeführte Partei wählen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich dafür aus, die Integrationsdebatte ohne Tabus zu führen. Sarrazin hatte mit seinen Thesen zur angeblich mangelnden Integrationsfähigkeit von Migranten und weiteren provokanten Äusserungen für heftige Kritik gesorgt. Die Bundesbank beantragte deshalb bei Bundespräsident Christian Wulff seine Entlassung aus dem Vorstand.

Der Emnid-Umfrage zufolge würden 18 Prozent der Befragten eine neue Partei wählen, wenn der Integrationskritiker Sarrazin ihr Vorsitzender wäre. Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner sagte, für diese Befragten sei Sarrazin jemand, «der endlich ausspricht, was viele denken». Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag des «Focus» würden sogar 62 Prozent der Bürger der Aussage zustimmen, Sarrazin habe mit seinen Äusserungen über Migranten berechtigte Denkanstösse gegeben.

Multi-Kulti-Traum geträumt

Merkel forderte am Wochenende eine offene Debatte über Integration. So dürfe die statistisch höhere Gewaltbereitschaft strenggläubiger muslimischer Jugendlicher nicht tabuisiert werden, sagte die Kanzlerin der «Bild am Sonntag«. «Das ist ein grosses Problem und wir können offen darüber sprechen, ohne dass der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit aufkommt», sagte sie. Zugleich sprach sich die Kanzlerin dafür aus, mehr Migranten im öffentlichen Dienst zu beschäftigen.

An eine schnelle Lösung der Problematik glaubt Merkel nicht. «Wir können nicht in drei, vier Jahren die Versäumnisse der vergangenen 30 Jahre ausgleichen. Das dauert länger als eine Legislaturperiode.» Merkel warf vor allem der früheren rot-grünen Bundesregierung vor, «einen sogenannten Multi-Kulti-Traum geträumt und die Zuwanderer nicht genügend in die Pflicht genommen zu haben». Ihre Regierung arbeite daran, mit allen Neuzuwanderern Integrationsvereinbarungen zu schliessen.

Details aus der Expertise

Die für Integration zuständige Staatsministerin Maria Böhmer (CDU) erklärte, die Bundesregierung arbeite bereits seit Jahren «mit Hochdruck» daran, die Probleme der Integration zu lösen. «Schwerpunkte bleiben die Grossbaustellen Sprache, Bildung und Arbeit».

Derweil hielt auch die Debatte um die Abberufung Sarrazins als Bundesbankvorstand an. Ein Sprecher Wulffs wies in der «Bild am Sonntag» einen Vorwurf Sarrazins zurück, ihm solle ein Schauprozess gemacht werden. Das Verfahren werde selbstverständlich und ausschliesslich nach Recht und Gesetz ausgeführt.

Sarrazin, für dessen Abberufung sich der Bundesbank-Vorstand am vergangenen Donnerstag ausgesprochen hatte, wollte am Montag laut «BamS» seinen Dienst in der Frankfurter Zentrale der Bundesbank versehen. Zuvor sollte er in Berlin an einer Podiumsdiskussion teilnehmen.

Der «Spiegel» veröffentlichte Details aus der Expertise, in der die Bundesbank den Entlassungsantrag begründet. Aus Sicht der Bundesbanker habe Sarrazin gegen seine Verpflichtung zur «Mässigung und Zurückhaltung in gravierender Weise verstossen», zitiert das Magazin aus dem Bericht. Nach einem Bericht der «Bild am Sonntag» informierte Sarrazin den Bundesbankvorstand vorab über sein umstrittenes Buch «Deutschland schafft sich ab». Allerdings habe weder Bundesbank-Präsident Axel Weber noch ein anderes Vorstandsmitglied darauf reagiert und sich nach dem Inhalt des Buches erkundigt.

AFP/bru/mrs

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