Jedes Zucken wird registriert

An der Aussengrenze der Europäischen Union wird ab diesem Monat ein neues System getestet. Mit der Hilfe von künstlicher Intelligenz sollen Lügner an der Einreise gehindert werden.

Täglich reisen Millionen Menschen in die EU ein. Foto: Getty Images

Täglich reisen Millionen Menschen in die EU ein. Foto: Getty Images

Matthias Kolb@matikolb

Die Fragen des Grenzwächters klingen routiniert. «Was befindet sich in Ihrem Koffer?», fragt er etwa, und etwas später: «Wenn Sie den Koffer öffnen und ich hineinschaue, wird dies die Richtigkeit Ihrer Angaben bestätigen?» Geht es nach der EU-Kommission, sollen in naher Zukunft alle Nicht-EU-Bürger vor dem Grenzübertritt solche Fragen vor einer Kamera beantworten müssen. Ein mit künstlicher Intelligenz arbeitender Lügendetektor würde dabei den Wahrheitsgehalt der Antworten prüfen.

Das System, das diese Aufgabe dereinst übernehmen soll, heisst «iBorderCtrl» und wird ab diesem Monat an vier Grenzübergängen in Griechenland, Lettland und Ungarn getestet. Mit 4,5 Millionen Euro fördert Brüssel das auf sechs Monate begrenzte Pilotprojekt aus Luxemburg, an dem Forscher aus acht Staaten beteiligt sind.

Kamera zeichnet alles auf

Das Verfahren hat zwei Stufen: Zu Hause lädt der Reisende zunächst Dokumente wie Pass, Visum, Foto oder Einkommensnachweis hoch. Auf dem Bildschirm erscheint dann ein virtueller Grenzwächter in blauer ­Uniform, dessen Geschlecht, Ethnizität und Sprache an den Bewerber angepasst sind.

Während der Avatar mehr über Kofferinhalt und den geplanten Aufenthalt in der Europäischen Union wissen will, zeichnet die Kamera alles auf – und eine Software analysiert die kleinsten Regungen im Gesicht. Diese kann der Bewerber nicht kontrollieren. Anhand von 38 dieser Mikroimpressionen sollen Lügner überführt werden.

Eine umstrittene Methode

Das System teilt die Kandidaten anschliessend in Kategorien ein – wer als «bedrohlich» gilt, müsste in der zweiten Stufe am Grenzposten genauer geprüft werden. Dabei soll den Beamten ein mobiler Scanner helfen, der die gesammelten biometrischen Daten mit den EU-Datenbanken abgleichen und dank Radar auch Menschen erkennen soll, die sich in Hohlräumen verstecken.

Aus ihren Zielen macht die EU-Kommission kein Geheimnis: Kontrollen sollen schneller werden und illegale Einwanderer besser erkannt werden. Für den Kriminologen Bennett Kleinberg vom University College London ist der Ansatz aber «pseudowissenschaftlich» und problematisch: «Es ist sehr umstritten, dass es eine Beziehung von nonverbalen Mikroimpressionen wie dem Zucken eines Augenlids und dem Erzählen einer Lüge gibt.» Stress sei kein guter Indikator für die Wahrheitsfindung, sagte Kleinberg der BBC.

Für Skepsis sorgt zudem, dass «European Dynamics» aus Luxemburg den Lügendetektor nur an 30 Mitarbeitern getestet hat und als Erfolgsquote 76 Prozent angibt. Die Hälfte der Teilnehmer habe bewusst geflunkert, weshalb die Software mit fehlerhaften Daten gefüttert werden könnte, warnt die Expertin Maja Pantic im «New Scientist»: «Wenn man Leute bittet, nicht die Wahrheit zu erzählen, verhalten sie sich anders als jemand, der wirklich lügt, um nicht ins Gefängnis zu müssen.»

Erfolgsquote von 85 Prozent

Diese Herausforderungen seien bekannt, sagt Keeley Crockett von der Manchester Metropolitan University, die «iBorderCtrl» berät. Sie betont, dass das System nicht allein entscheiden würde, sondern die Grenzer unterstützen soll. Crockett hofft, dass sich die Erfolgsquote durch die Daten des Pilotversuchs auf 85 Prozent erhöht.

Bei mehr als 700 Millionen Menschen, die jährlich in die EU einreisen, würde dies immer noch zu einer riesigen Zahl an Fehldiagnosen führen. Immerhin: In der Pilotphase werden nur Freiwillige aufgezeichnet – und niemand abgewiesen, wenn «iBorderCtrl» ihm eine Lüge unterstellt.

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