Johnson vergleicht Brexit mit der Mondlandung

Boris Johnson führt das Premier-Rennen gemäss neusten Umfragen deutlich an – und ist für seine Regierungszeit zuversichtlich.

Gemäss Umfragen wird er morgen Dienstag Chef der Konservativen Partei in Grossbritannien und damit auch der neue Premierminister. Bild: Peter Summers/Getty Images

Gemäss Umfragen wird er morgen Dienstag Chef der Konservativen Partei in Grossbritannien und damit auch der neue Premierminister. Bild: Peter Summers/Getty Images

Im Rennen um die Nachfolge von Premierministerin Theresa May nimmt Boris Johnson Kurs auf Downing Street. Der 55-Jährige gilt als haushoher Favorit, Chef seiner Konservativen Partei und damit auch der Regierung zu werden.

Nach einer jüngsten Umfrage unter Tory-Mitgliedern könnte der umstrittene Politiker mehr als 70 Prozent der Stimmen bekommen. Seinem Konkurrenten, Aussenminister Jeremy Hunt, werden nur geringe Chancen eingeräumt.

Zwar sei die Befragung mit Unsicherheiten behaftet, doch andere Umfragen seien zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, heisst es auf der konservativen Webseite «Conservative Home». Dies weise darauf hin, dass «Johnson mit überwältigender Mehrheit gewinnen wird».

Noch bis Montag um 17 Uhr Ortszeit (18 Uhr MESZ) können die 160'000 Tory-Mitglieder ihre Stimme abgeben. Das Ergebnis soll dann am Dienstag verkündet werden. Am Mittwoch wird die britische Königin Elizabeth II. den neuen Parteichef der Konservativen mit der Regierungsbildung beauftragen.

Rücktritte wegen Johnson

Dabei ist Johnson, Ex-Aussenminister und frühere Londoner Bürgermeister, sehr umstritten. So etwa erklärte am Montag der proeuropäische Aussenstaatssekretär Alan Duncan seinen Rücktritt. «Im Vorgriff auf den Wechsel am Mittwoch» lege er sein Amt nieder, erklärte er in seinem Rücktrittsgesuch an die scheidende Regierungschefin.

«Es ist tragisch, dass wir genau in dem Moment, da wir die dominierende intellektuelle und politische Kraft in Europa und darüber hinaus sein könnten, jeden Tag unter der dunklen Wolke des Brexit arbeiten müssen», erklärte Duncan.

Am Wochenende hatten bereits Finanzminister Philip Hammond und Justizminister David Gauke ihren Rücktritt für den Fall von Johnsons Sieg bei der parteiinternen Wahl angekündigt.

Kein einfacher Start

Der neue Premierminister dürfte es jedoch wie May sehr schwer haben: Die Regierung verfügt nur über eine Mehrheit von drei Stimmen. Der Premier-Wechsel kommt zudem mitten im Konflikt mit dem Iran, der einen britischen Tanker in der Strasse von Hormus festsetzte. Der Sender BBC sprach schon vom ersten «diplomatischen Test» für Johnson.

Britische Medien gehen davon aus, dass Johnson im Falle seines Wahlsiegs viele Regierungsposten neu besetzen wird. Zeitungen spekulierten etwa über ein Comeback des früheren Brexit-Ministers Dominic Raab, der das Justizministerium übernehmen könnte.

Angeblich plant Johnson dem «Telegraph» zufolge auch, Ex-Brexit-Minister David Davis zu reaktivieren und ihn zum Finanz- oder Aussenminister zu machen. Kritiker halten Davis für inkompetent und faul.

Vergleich mit Mondlandung

Johnson jedenfalls will Grossbritannien an Halloween, am 31. Oktober, aus der Europäischen Union führen, «komme, was wolle». Dabei droht er Brüssel auch mit einem Austritt ohne Abkommen – das hätte erhebliche negative Folgen für die Wirtschaft und andere Lebensbereiche.

Am Montag zeigte er sich jedoch zuversichtlich: «Vor 50 Jahren sind sie zum Mond geflogen. Sicher schaffen wir es heute, die logistischen Probleme an der irischen Grenze zu lösen», schrieb er in seiner wöchentlichen Kolumne für die Zeitung «The Daily Telegraph».

Die Frage der künftigen Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und der britischen Provinz Nordirland ist einer der Hauptstreitpunkte im Ringen um den Brexit. Denn die Wiedereinführung von Grenzkontrollen bei einem Brexit ohne Abkommen könnte den alten Konflikt zwischen katholischen Befürwortern einer Vereinigung Irlands und protestantischen Loyalisten wieder schüren.

Bereits am Dienstag könnte Mays Nachfolger in einer ersten Rede Details seiner Brexit-Pläne darlegen. Die Briten hatten sich vor drei Jahren, am 23. Juni 2016, in einem Referendum mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt ausgesprochen.

anf/sda

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