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Kaczynski-Bruder empört über russischen Absturz-Bericht

Eine Untersuchungskommission gibt einem angetrunkenen polnischen Offizier die Schuld am Flugzeugabsturz von Lech Kaczynski. Warschau sieht die Sachlage ganz anders.

Nur noch ein Trümmerhaufen: Beim Absturz am 10. April 2010 sind 96 Menschen gestorben.
Nur noch ein Trümmerhaufen: Beim Absturz am 10. April 2010 sind 96 Menschen gestorben.
Keystone

Neun Monate nach dem Absturz der Maschine von Polens Präsident Lech Kaczynski im russischen Smolensk gibt Russland einem angetrunkenen polnischen Kommandeur die Schuld und löst in Warschau Empörung aus. Der Streit droht das bilaterale Verhältnis erneut zu belasten.

Das Unglück, bei dem Polens Präsident Lech Kaczynski ums Leben kam, ist laut der russischen Untersuchungskommission von einem angetrunkenen Offizier an Bord verursacht worden. Mit 0,6 Promille Alkohol im Blut habe Luftwaffenchef Andrzej Blasik die Piloten zum Landen gezwungen, trotz der Warnung der russischen Flugüberwachung.

Im Cockpit Druck ausgeübt

Der Bericht der russischen Ermittler wurde am Mittwoch von der in Moskau vorgestellt und Warschau überreicht. Die Tupolew TU-154 mit dem damaligen Präsidenten Lech Kaczynski und 95 weiteren ranghohen Passagieren war am 10. April 2010 in einem Wald in der Nähe von Smolensk zerschellt. Niemand überlebte.

Laut Stimmenrekorder habe Luftwaffenchef Blasik im Cockpit Druck auf die Piloten ausgeübt, sagte Luftfahrtexpertin Tatjana Anodina in Moskau. Auch Kaczynskis Protokollchef habe sich vorschriftswidrig in der Pilotenkanzel aufgehalten.

Die Lotsen des Flughafens in Smolensk hätten wegen Nebels dringend einen Ausweichort empfohlen. «Eine Landeerlaubnis hat es nicht gegeben», sagte Anodina. Zudem sei die Besatzung der Präsidentenmaschine auf den Flug nach Russland und das dortige schlechte Wetter unzureichend vorbereitet gewesen.

Miller: «Verantwortung auch bei Russland»

Polens Innenminister Jerzy Miller sieht die Verantwortung für den Absturz auch bei Russland. «Auf eine sichere Durchführung dieses Flugs waren beide Seiten nicht gut vorbereitet», sagte er in Warschau. Er verwies auf mögliche Fehler bei der Arbeit der russischen Fluglotsen in Smolensk sowie auf den schlechten Zustand der technischen Anlagen dort.

Die polnische Seite halte diese Faktoren für «wesentlich», unterstrich der Chef des Innenressorts, der eine polnische Kommission zur Untersuchung des Unglücks leitet. Er halte aber russische Vorwürfe an die polnische Besatzung für durchaus berechtigt.

Jaroslaw Kaczynski: «Völlig einseitig»

Polens national-konservativer Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski wies den Bericht als «Spekulationen» und «Hohn für Polen» zurück. Die Vorwürfe gegen die Piloten seien «völlig einseitig», sagte der Zwillingsbruder des verunglückten Lech Kaczynski in Warschau. Kaczynski beschuldigte Regierungschef Donald Tusk, die Ermittlungen zur Katastrophe an die russische Seite abgegeben und damit eine Beteiligung der EU verhindert zu haben. Er verwies auf angebliche Fehler der Fluglotsen in Smolensk.

Der Bericht könnte das historisch belastete russisch-polnische Verhältnis erneut trüben. Nach jahrelangen Spannungen hatten beide Länder vor kurzem einen Neustart in ihren Beziehungen begonnen. Die polnische Delegation war am Tag des Absturzes auf dem Weg zu einer Gedenkfeier in Katyn im Westen Russlands, dem Ort eines sowjetischen Massakers an tausenden Polen im Frühjahr 1940.

Komorowski will nach Russland reisen

Polens Präsident Bronislaw Komorowski kündigte vor kurzem an, am Todestag seines tragisch verunglückten Vorgängers nach Russland reisen und damit die Politik der Aussöhnung fortsetzen zu wollen.

sda/AFP/bru

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