«Klima-Rebellion» in der Londoner City

London erlebte zehn Tage mit spektakulären Protestaktionen – sogar Greta kam. Die Aktivisten freuen sich: Jetzt redet alles über das Klima.

Fröhliche, bunte Demonstrationen: Klimaschutz-Aktivisten beim Oxford Circus in London.

Fröhliche, bunte Demonstrationen: Klimaschutz-Aktivisten beim Oxford Circus in London.

(Bild: Reuters)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Die «Klima-Rebellen» haben zuletzt auch die Londoner Börse belagert. Trüppchen von Demonstranten wanderten mit ihren Bannern durch die City, das Finanzzentrum der Stadt und von Grossbritannien. Sie hielten den Verkehr auf und kletterten auf Züge der Docklands-Bahn, die Banken- und Versicherungsleute sonst unangefochten zu ihren Arbeitsplätzen im Osten der Metropole bringt. Das war am Donnerstag und – nach zehn Tagen bürgerlichen Ungehorsams an vielen Stellen Londons – der vorläufige Schlusspunkt der Demonstrationen, mit der Tausende von Aktivisten das öffentliche Interesse auf den alarmierenden Klimawandel der Erde zu lenken suchten.

An diesem letzten Tag der Klimawandel-Protestaktionen sollte es um «die Rolle des Finanzsektors bei unserem kollektiven Selbstmord» gehen. «Sagt uns die Wahrheit!» verlangten die mitgeführten Schilder, zwischen den alten steinernen Geldburgen und den futuristischen Glastürmen der City. «Business as usual = Tod» verkündete eines. «Dies hier», erklärte die Wissenschaftlerin Gail Bradbrook mit Blick auf das Finanzzentrum Londons, «ist das Herz des Systems, das uns fix und fertig macht.»

Protestspektakel, das täglich Schlagzeilen machte

Bradbrook ist Mitbegründerin von «Extinction Rebellion» – der Bürgerinitiative, die in diesen bemerkenswerten zehn Tagen an der Themse für Aufsehen sorgte. Erst seit vorigem Herbst, als 94 Akademiker in einem offenen Brief ihre Panik zum Ausdruck brachten, gibt es «XR», als einen wehrhaften Verband, dessen Aufbegehren Bradbrook mit dem der Suffragetten vergleicht. Kaum ein halbes Jahr nach seiner Gründung hat der Zusammenschluss, der über 150 Ortsgruppen in ganz Grossbritannien verfügt, ein Spektakel veranstaltet, das Tag für Tag Schlagzeilen machte, Polizei und Passanten mächtig verunsicherte und Politiker aller Parteien zu Stellungnahmen provozierte.

9000 Polizeibeamte wurden in dieser kurzen Zeit aufgeboten und über 1000 Demonstranten festgenommen. Sogar die Londoner Polizeipräsidentin Cressida Dick gestand, so etwas habe sie «noch nicht erlebt». Weil die Zellen in Londons Polizeiwachen nicht ausreichten, wurden die Festgenommenen an manchen Tagen offenbar bis nach Luton und Brighton geschleppt. Zugleich schreckten die Verhaftungen jedoch niemanden ab, sondern sorgten im Gegenteil für immer neuen Zustrom. In den zehn Protesttagen steigerte der «Aufstand gegen das Aussterben» die Zahl eingeschriebener Aktivisten aufs Vierfache. Vor Ostern bekannten sich 10’000 Menschen zu «XR». Inzwischen sind es 40’000. Und die Spenden fliessen.

Vor allem aber ist es den Demonstranten gelungen, den globalen Klimawandel quasi über Nacht in London zum zentralen Thema zu machen. Vorübergehend holten sie ihre Landsleute sogar aus deren allumfassender Brexit-Obsession. Verantwortlich dafür waren clever angelegte Gesetzesverstösse, die strikt gewaltlos, aber ganz unbeirrt durchgeführt wurden. Junge und Alte, Schüler, Rentner, Angehörige verschiedenster ethnischer Gruppen, Wissenschaftlerteams, Kirchenleute, ganze Familien schlossen sich der «Rebellion» an – und überraschten mit dieser Strategie die Polizei.

Grosses Aufgebot an Sicherheitskräften: Demonstrantin, die sich von den Polizisten nicht beirren lässt. Foto: Reuters

Tagelang «hielten» die Demonstranten den Oxford Circus, diesen wichtigen Verkehrsknotenpunkt im West End, mit ihrem rosaroten Schiff, der «Berta Cáceres», und der Aufschrift «Tell us the truth». Am Marble Arch richteten sie ein buntes Zeltlager ein. Vor dem Parlament, in dem gerade Osterpause war, tauchten «Debattierbuden» auf, wurden Hängematten befestigt zwischen Fussgängerampeln und Lampenpfählen. Im Naturhistorischen Museum an der Cromwell Road, jedem Kind bekannt, liessen sich 100 Leute zu einem «Die-In» unterm mächtigen Skelett des dort von der Decke hängenden Blauwals «Hope» («Hoffnung») zu Boden sinken.

Am Hauptquartier von Shell «klebten» sich Protestteilnehmer ebenso fest wie am Vorgartenzaun zum Häuschen des Oppositionsführers Jeremy Corbyn. Und auf «Waterloo Bridge, an der South Bank, hüpften Hunderte von Demonstranten zu Abbas «Waterloo»-Klängen oder anderen heissen Tönen herum, inmitten herbeigeschleppter Topfpflanzen, Bäumchen und Protestgirlanden, farbig flatternd überm Fluss. Toiletten, Waschräume und Unterschlupf bot den Besetzern der begrünten Brücke der Pfarrer der örtlichen St Johns-Kirche, Giles Goddard, der die Proteste nachdrücklich billigte.

Unmut über die Störaktionen

In der Tat waren sich auch viele Polizisten nicht sicher, wie sie auf die offenkundig friedlichen Platzbesetzungen reagieren sollten. Viele liessen sich in den ersten Tagen auf Klimawandel-Diskussionen ein. Einige tanzten sogar ein bisschen mit – bis sie von ihren Vorgesetzten zurückgepfiffen wurden und schuldbewusst wieder Aufstellung nahmen, die Handschellen griffbereit.

Innenminister Sajid Javid, der im gegenwärtigen Tory-Führungskampf um ein superhartes Image ringt, forderte die Polizei derweil ungeduldig auf, «voll durchzugreifen». Auch Londons Labour-Bürgermeister Sadiq Khan, den Motiven der Demonstranten «eigentlich» gewogen, drängte, weil die Polizei «zu Wichtigerem» gebraucht würde, schnell zu einem Ende der Aktionen. Kaufhäuser und Wirtschaftsverbände der Stadt klagten über Millioneneinbussen wegen der Proteste.

Blitzumfragen in der Bevölkerung enthüllten ebenfalls Unmut über die Störaktionen – zugleich aber auch weithin Einverständnis mit der Botschaft, die die Störer unters Volk zu bringen suchten. Die «Rebellen» baten für den blockierten Verkehr «um Verzeihung». Sie beharrten aber darauf, dass es sich «um eine echte Notsituation» handle, die ein ungewöhnliches Vorgehen rechtfertige.

BBC stellt sich hinter die Klimaschützer

Zum Glück für die Demonstranten stellte sich eine Organisation von einigem Gewicht hinter ihren Aufklärungsanspruch. Am Gründonnerstag gab die BBC ihr bisheriges Bemühen um Neutralität in Sachen Klimawandel auf und strahlte eine knallharte, strikt wissenschaftlich untermauerte Sendung mit dem Titel «Klimawandel: Die Fakten» aus. Der TV-Report gab auch bislang wenig interessierten Zuschauern zu denken.

Präsentiert wurde das Programm vom wohl populärsten Briten, den die Nation vom Bildschirm her kennt: dem 92-jährigen Sir David Attenborough, einem lebenslangen Produzenten eindrücklicher Naturfilme. Attenborough, der sein Publikum stets mit den «Wundern der Natur» verzaubert hatte, räumte in diesem neuen Film erstmals ein, dass er Tempo und Folgen des Klimawandels allzu lang unterschätzt habe: «Die Umstände haben sich schneller geändert, als ich mir das je vorgestellt habe.»

Sie durfte auch in London nicht fehlen: Greta Thunberg. Foto: Reuters

Nicht nur «Sir David» kam wie gerufen zu den Londoner Protesten. Pünktlich traf auch die 16-jährige Greta Thunberg zum Abschluss ihrer Ostertournee durch Europa in der britischen Hauptstadt ein. So gross ist das Renommee des schwedischen Teenagers, dass sich ihr alle Türen Westminsters unmittelbar öffneten. Ausser von Premierministerin Theresa May wurde sie praktisch von allen Parteivorsitzenden empfangen. Als sie am ersten Tag nach Ostern zu einer Klimawandel-Sondersitzung im Unterhaus auf der Zuschauergalerie erschien, erntete sie eine ganz unkonventionelle Runde Applaus.

Umweltminister Michael Gove versicherte der Besucherin im Gespräch, er bewundere sie nicht nur sehr als «die Stimme unseres Gewissens», sondern wisse sich auch selbst hochmotiviert durch «Schuld- und Verantwortungsgefühle» aller Art. Diese «Schuldgefühle» scheinen freilich bisher wenig Folgen zu zeitigen. Noch wenige Tage vorher hatte Minister Gove erklärt, man «wisse ja nun wirklich und wahrhaftig», worum es gehe. Und man brauche von Klima-Aktivisten keine Belehrungen mehr.

Zufriedene Aktivisten von «Extinction Rebellion»

Greta Thunberg hingegen warf ihren Gastgebern vor, dass diese, wie jetzt beim Fracking, immer noch versuchten, neue fossile Reserven auszubeuten sowie die Öl- und Gasfelder in der Nordsee auszuweiten. Zudem mache die Regierung den Kohleabbau erneut gesellschaftsfähig. «Ihr habt uns belogen», sagte sie, unbeeindruckt von allem Applaus in London. «Ihr habt uns falsche Hoffnungen gemacht.»

Die Gescholtenen, darunter auch einige konservative Politiker, gelobten, sich des Themas «auf neue Weise» anzunehmen. Parteiübergreifende Arbeitsgruppen sollen nun gebildet werden. Die Stadt London will eine spezielle Bürgerversammlung einrichten. Vielleicht habe sich ja nun wirklich «ein Raum geöffnet, in dem die Wahrheit gesagt werden kann», bilanzierten die Aktivisten von Extinction Rebellion nach zehn Protesttagen. «Jetzt redet wenigstens alles über das Klima und über den ökologischen Notstand. Und das auf eine Weise, die vorher undenkbar gewesen wäre.»

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