Korsikas Separatisten triumphieren

Frankreich steht «unter Schock»: Die korsische Unabhängigkeitsbewegung hat im ersten Durchgang der Territorialwahlen einen überwältigenden Sieg gefeiert.

Gilles Simeoni (2.v.l.) verschaffte den Nationalisten ein seriöses Image.

Gilles Simeoni (2.v.l.) verschaffte den Nationalisten ein seriöses Image.

(Bild: zvg)

Bescheidenheit sei keine korsische Eigenschaft, meinte einst schon ihr illustrer Abkömmling Napoleon Bonaparte. Ganz anders der Wahlsieger von Sonntag, Gilles Simeoni: Der 50-jährige Bürgermeister von Bastia, Sohn eines legendären Unabhängigkeitskämpfers, spricht sehr gemässigt von einem «ungewöhn­lichen Wahlausgang». In Wahrheit hatte seine Liste Pè a Corsica (Für Korsika) im ersten Durchgang der Territorialwahlen mit 45,4 Prozent einen Triumph erzielt.

Eine Welle des Nationalismus

Die Pariser Medien drücken sich weniger zurückhaltend aus und sprechen von «Tsunami», «Erdbeben» oder «Schock». Die Radiostation France Inter fragte am Montag besorgt: «Wie weit wird die Welle der Nationalisten noch schwappen?»

Ihren Ursprung hatte sie 2014, als der sportliche Bonvivant Simeoni in das – seit einem halben Jahrhundert von der Linken regierte – Rathaus von Bastia einzog. Bei den Parlamentswahlen im Sommer errangen seine «Nationalisten» drei der vier Sitze in der Pariser Nationalversammlung. Jetzt werden die früher oft belächelten Politamateure, die mit Kriminellen und Attentätern verbandelt waren, die gesamte Inselpolitik beherrschen. Noch vor dem zweiten Durchgang in einer Woche scheint ausgemacht, dass Simeoni die – durch die Territorialreform von Ex-Präsident François Hollande eingeführte – Inselregierung leiten wird. Im ebenfalls neu gebildeten Inselrat wird Pè a Corsica zweifellos die absolute Mehrheit der 63 Sitze stellen.

Die bürgerlichen «Regionalisten» kamen im ersten Wahlgang nur auf 14,9 Prozent, die kon­servativen Republikaner auf 12,8 Prozent. Die Linke erzielte nur 5,7, der Front National nur 3,3 Prozent der Stimmen; beide Formationen scheitern damit an der 7-Prozent-Hürde für den Einzug in den Territorialrat.

Auch La République en Marche von Präsident Emmanuel Macron schneidet mit 11,3 Prozent sehr schwach ab. Die 234'000 abstimmenden Korsen wünschen gemäss Umfragen eine politische Erneuerung; sie setzten aber nicht auf die neue Macron-Formation aus dem fernen Paris. «Was Macron auf dem Kontinent schaffte, vollbringen die Nationalisten mit ihrer Erneuerung auf Korsika», sagte der Politologe Jérôme Fourquet am Montag.

Neues Image

Simeoni war es mit seinem moderaten Auftreten in der Tat gelungen, der Bewegung der Nationalisten ein neues Image politischer Seriosität zu verleihen. Obwohl die Frage der Einwanderung – 50'000 der 340'000 Inselbewohner sind Maghrebiner – sehr akut ist, verzichtete Simeoni auf jede Anspielung auf die in Korsika sehr präsenten christlichen Traditionen.

Seine Wahlplattform erhebt drei Hauptforderungen. Franzosen sollen in Zukunft mit dem Statut von «Ortsansässigen» von den einheimischen Korsen un­terschieden werden. Des Weiteren soll Korsisch zu einer zweiten Amtssprache werden. Analog zu den baskischen wollen die korsischen Separatisten auch ihre «politischen Gefangenen» in Gefängnisse auf der Insel holen.

Für Frankreich war bisher keine der Forderungen auch nur im Ansatz erfüllbar. Simeoni wäre aber nur bei einem Entgegenkommen des Staates bereit, auf die Forderung nach staatlicher Unabhängigkeit zu verzichten. Seine Wahlallianz mit dem radikaleren Jean-Guy Talamoni lässt die Frage während zehn Jahren offen. Offiziell sprachen die beiden sehr ungleichen Partner am Montag nur von einer «vollen Autonomie».

Talamoni ging allerdings einen Schritt weiter und meinte bewusst provokativ: «Korsika ist eine Nation.» Die Insel sei zwar nicht mit Katalonien zu ver­gleichen, denn die spanische Region sei wohlhabend und geniesse schon eine weitgehende Auto­nomie, während Korsika rechtlos und vom französischen Staat «ausgelaugt» worden sei. «Wir sind Unabhängigkeitskämpfer, aber zugleich Demokraten», fügte er an. «Wenn die Korsen in zehn oder fünfzehn Jahren die Unabhängigkeit wollen, wird das niemand verhindern können.» Gemäss Umfragen sind die Korsen heute mehrheitlich gegen die völlige Unabhängigkeit.

Berner Zeitung

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