Kritik an Johnsons Wortwahl wird lauter

Die englischen Bischöfe verurteilen die in den vergangenen Tagen benutzte Sprache im britischen Parlament als «nicht akzeptabel».

Boris Johnson schlägt Kritik an seiner Rethorik entgegen: von den 118 Bischöfen der Kirche von England, genauso wie aus seiner eigenen Familie. (3. September 2019) Foto: Parliament TV

Boris Johnson schlägt Kritik an seiner Rethorik entgegen: von den 118 Bischöfen der Kirche von England, genauso wie aus seiner eigenen Familie. (3. September 2019) Foto: Parliament TV

Es kommt nicht oft vor, dass die Kirche von England sich so deutlich in die politische Debatte einmischt. Doch angesichts der aufgeheizten Brexit-Stimmung im Land wollten die 118 Bischöfe nicht weiter schweigen. In einer gemeinsamen Erklärung verurteilte das College of Bishops die in den vergangenen Tagen benutzte Sprache im britischen Parlament als «nicht akzeptabel». Die Kirche rief am Freitag dazu auf, Menschen mit anderen Meinungen respektvoll zu begegnen: «Wir sollten die ehrlichen Ansichten unserer Mitbürger nicht verunglimpfen, bevormunden oder ignorieren.»

Ob Boris Johnson sich davon angesprochen fühlt, wird sich beim Parteitag der Tories zeigen, der an diesem Sonntag beginnt. Der Premierminister will seine Konservative Partei in Manchester auf das einstimmen, was dem Vereinigten Königreich in den verbleibenden Wochen bis zum 31. Oktober bevorsteht: ein schmutziger Kampf um die Macht. Bislang gibt es jedenfalls keine Anzeichen, dass Johnson von seiner brachialen Rhetorik abrücken würde. Er sagte zwar nach seinem wütenden Auftritt im Unterhaus, dass sich die Gemüter abkühlen sollten, liess seine engsten Mitarbeiter aber munter weiter Öl ins Brexit-Feuer giessen.

So sass etwa sein wichtigster Berater, Dominic Cummings, am Donnerstagabend bei einer Buchvorstellung und nannte die aktuelle Kontroverse im Vergleich zum Wahlkampf vor dem Brexit-Referendum «einen Spaziergang im Park» – «a walk in the park». Und fügte dann noch hinzu: «Wir geniessen das.» Daran hat auch Johnsons Schwester Rachel keine Zweifel. In der BBC sagte sie über ihren Bruder: «Ich denke, er liebt es.» Bei Sky News kritisierte sie die Wortwahl des Premiers als «in höchstem Masse verwerflich». Ihr Bruder benutze Worte wie «Kollaborateur», «Verräter» und «Kapitulation» in Verbindung mit Brexit-Gegnern, als ob diese für ihre Meinung «gehängt, ausgeweidet und gevierteilt» werden sollten.

Downing Street verbreitet nun, wer gegen den Brexit ist, wird schuld sein an Volksaufständen

Rachel Johnson ist nicht die erste aus der Familie des Premierministers, die sich von ihm abwendet. So hatte der jüngere Bruder Jo Johnson bereits Anfang des Monats sein Amt als Staatssekretär niedergelegt. Er kündigte zudem an, bei der nächsten Wahl nicht mehr für ein Mandat der Konservativen zur Verfügung zu stehen. Auf Twitter schrieb er: «Ich war in den vergangenen Wochen zerrissen zwischen Loyalität zur Familie und dem nationalen Interesse – es ist eine unauflösbare Spannung.»

Nach seiner Niederlage vor dem Obersten Gerichtshof, der die von Johnson verordnete Zwangspause des Unterhauses für rechtswidrig erklärt hatte, dürfte der Premierminister seine Brexit-Strategie weiter auf die Spitze treiben. Er selbst stilisiert sich zum Vollstrecker des Volkswillens, der alles dafür tut, das Land am 31. Oktober aus der EU zu führen – und sei es ohne Deal. Alle, die ihn daran hindern wollen, stellt Johnson als Feinde des Volkes dar, die ein demokratisches Referendum nicht akzeptieren.

Aus Downing Street verlautete am Freitag eine klare Botschaft: Entweder Johnson bringt den Brexit bis Ende Oktober über die Bühne, oder es drohen massive Unruhen im Land. Die Times zitierte ein hochrangiges Kabinettsmitglied mit den Worten, dass es in Grossbritannien bislang nichts Vergleichbares wie die Proteste der «Gilets jaunes» in Frankreich oder die «LA riots» genannten Unruhen von Los Angeles gegeben habe. Nun aber sei die Gelbwesten-Bewegung ein Vorbild, und es brauche nur «ein paar böse populistische Frontmänner, um die Leute anzustiften». Im Klartext hiess das: Wer den Brexit weiter aufschiebt, ist für mögliche Ausschreitungen verantwortlich. Mit Äusserungen wie diesen machen Johnsons Leute deutlich, dass sie gewillt sind, die brexitbegeisterten Landsleute weiter gegen die Brexit-Verhinderer im Parlament aufzuwiegeln.

Johnson bringt derweil die eigene Vergangenheit in Bedrängnis. Während seiner Zeit als Londoner Bürgermeister liess er einer befreundeten Geschäftsfrau aus den USA offenbar öffentliche Gelder in Höhe von 100'000 Pfund zukommen. Die Unternehmerin Jennifer Arcuri habe zudem privilegierte Zugänge bei Handelsdelegationsreisen des Bürgermeisters erhalten. Johnsons Gegner werfen ihm einen Interessenskonflikt und die Veruntreuung von Steuergeld vor. Johnson soll britischen Medien zufolge auch «regelmässiger Gast» in Arcuris Londoner Wohnung gewesen sein. Das frühere Model lebt inzwischen wieder in den USA. Johnson soll sich nun einer Befragung der London Assembly stellen. Tut er das nicht, drohen ihm drei Monate Gefängnis.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt