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Kroatien feiert Praljak als Helden

Nach dem Suizid des bosnisch-kroatischen Generals Praljak ermittelt die niederländische Justiz fieberhaft, wie er an das Gift gelangen konnte. In Kroatien wird der Kriegsverbrecher posthum als Held gewürdigt.

Für viele ein Held: Bosniaken in Mostar schauen sich den Prozess gegen Slobodan Praljak im Fernsehen an.
Für viele ein Held: Bosniaken in Mostar schauen sich den Prozess gegen Slobodan Praljak im Fernsehen an.
Keystone

Selbst Serbiens notorische «Giftspritze» Vojislav Seselj zollt dem vermeintlichen Heldentod des einstigen Mithäftlings und Kriegsgegners Respekt. Als «heldenhafte Tat» und «harten Schlag für das UN-Tribunal» preist der Chef der ultranationalistischen SRS den im Gerichtssaal vollzogenen Suizid des bosnisch-kroatischen Generals Slobodan Praljak: «Auf dem Schlachtfeld war er unser Feind. Aber dies verdient allen Respekt.»

Über die Untaten des verurteilten Kriegsverbrechers redet in Kroatiens Öffentlichkeit heute fast niemand mehr. Unmittelbar nach der Verkündigung seines Urteils am Mittwoch hatte sich der Mann mit dem weissen Bart nach der empörten Zurückweisung aller Schuld vor den Augen seiner Richter selbst vergiftet und gerichtet – und sich damit in den Augen vieler Landsleute unsterblich gemacht.

Todesdrohungen an Kritiker

Der 72-jährige Ex-Kommandant der bosnisch-kroatischen Armee (HVO) habe immer danach gehandelt, «was das Beste für sein Volk» sei, pries Kroatiens Premier Andrej Plenkovic noch am Abend seines Selbsttods den neuen Nationalhelden: Die Verurteilung von ihm und seinen fünf Mitangeklagten sei eine «tiefe moralische Ungerechtigkeit».

Der General habe auf «symbolische Weise die Ungerechtigkeit des Berufungsurteils aufgezeigt», würdigte Gordan Jandrokovic, der Vorsitzende des kroatischen Parlaments, am Donnerstag den lebensmüden Ex-General. Wüste Todesdrohungen erhielt hingegen Beus Richembergh, Abgeordneter der liberalen Glas-Partei, weil er sich öffentlich gegen eine parlamentarische Schweigeminute für den Kriegsschergen ausgesprochen hatte.

Die Justizbehörden beschäftigt nun vor allem die Frage, wie Praljak an seinen Giftbecher gelangen konnte. Besucher des Tribunals werden zweimal kontrolliert, bevor sie den Gerichtssaal betreten dürfen. Wie an Flughäfen werden Röntgenscanner eingesetzt. Und die Besucher müssen durch eine Sicherheitsschleuse mit Metalldetektoren gehen.

Auch die Angeklagten würden eingehend kontrolliert, sagen Anwälte. Allerdings ist es denkbar, dass jemand Medikamente mit in den Sitzungssaal nehmen kann. Viele Angeklagte nehmen regelmässig Medikamente.

«Sorgfältig inszeniert»

Verzweiflung schliessen sowohl seine Kritiker als auch Bewunderer von Praljak als mögliches Motiv des Selbstmords aus. Selbst wenn ihm der in der Heimat abgesessene Hausarrest nicht als verbüsste Strafe angerechnet worden wäre, hätte er wegen der langen Untersuchungshaft und des üblichen Nachlasses von einem Drittel der Strafe vermutlich schon in zwei Jahren die Zelle verlassen können.

Analysten sind überzeugt, dass der frühere Regisseur sein Ende bewusst in­szeniert hatte. Praljak habe mit seinem «sorgfältig inszenierten Tod» die Verbrechen auslöschen wollen, für die er verurteilt sei, glaubt der Kommentar des Webportals Index.hr. «Vom Kriegsverbrecher wollte er zum Mythos des nationalen Märtyrers werden.» Keine Zweifel, dass diese Kalkulation posthum aufgehen dürfte, hegt auch der Analyst ­Zarko Puhovski: «Kroatien wird einen neuen Heiligen haben.»

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