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Kroatien verliert seine Jungen

Nach dem Beitritt zur EU verschärft sich Kroatiens Gastarbeiterexodus spürbar. Besonders hart trifft der Aderlass das ostkroatische Slawonien.

Aus Kroatien verschwinden viele Arbeitskräfte in andere EU- und Efta-Länder.
Aus Kroatien verschwinden viele Arbeitskräfte in andere EU- und Efta-Länder.
Keystone

Der Hausherr ist im eigenen Heim nur noch ein gelegentlicher Gast. «Natürlich fehlt uns Papa», räumt Luka Lovric auf dem Wohnzimmersofa seines Elternhauses im kroatischen Vukovar offen ein. Doch zumindest einmal im Monat komme sein in Stuttgart als Koch arbeitender Vater nach Hause. Er selbst möge Deutschland, würde aber nur ­ungern umziehen, bekennt der 13-Jährige. «In Vukovar sind unsere Freunde, unsere Familie. Wenn wir auch wegziehen würden, wäre die Oma allein.»

Geteilte Familien, zerrissene Leben: Nach dem EU-Beitritt Kroatiens am 1. Juli 2013 sind Grenzen gefallen. Seit Anfang 2017 gilt die Personenfreizügigkeit auch für die Schweiz. In den ersten fünf Jahren gelten hier noch Höchstzahlen, und fünf weitere Jahre kann der Bundesrat die Ventilklausel aufrufen, um die Zuwanderung zu begrenzen.

Mit Deutschland hat die grösste Volkswirtschaft der EU per Mitte 2015 die volle Freizügigkeit beschlossen: So können Kroaten in Deutschland ohne Einschränkungen arbeiten, und kroatische Firmen dürfen ihre Arbeiter nach Deutschland entsenden. In diesen zwei Jahren hat sich der Gastarbeiterexodus des EU-Neulings spürbar verstärkt. Besonders hart trifft der Aderlass Slawonien: Seit dem Kroatien-Krieg (1991–1995) ist Kroatiens Kornkammer von einer Vorzeige- zur rückständigen Region mutiert.

Die Jungen gehen weg

Ihren Mann Ivan kennt Bozana Lovric schon seit gemeinsamen Schultagen. Doch der Krieg sollte die Flüchtlingskinder zunächst in verschiedene Ecken des Landes verschlagen. Mit ihrer Familie flüchtete Bozana 1991 in die ferne Adriametropole Pula, während Ivans Familie die Kriegsjahre in der 100 Kilometer entfernten Landgemeinde Orahovica überstand. «Sehr schlecht» habe das völlig zerstörte Vukovar nach dem Krieg ausgesehen, erinnert sich die heute 36-jährige Bozana an die Heimkehr ihrer Familie 1998. «Überall waren Ruinen und Schutt. Es war schrecklich.»

Nach der Heirat 2003 kamen bald die Söhne Luka und Tomislav auf die Welt. Nicht nur die Kriegsruine des Schlosses wurde wiederaufgebaut, sondern im Laufe der Jahre auch die meisten zerstörten Häuser. «Wir hatten nach unserer Heirat die Hoffnung, dass das Leben bald besser wird», so Bozana. «Aber es kam anders. Die Mehrheit der Jungen emigriert, ob mit oder ohne Fa­milie. Auch meine zwei Brüder arbeiten nun in Deutschland.»

Deutschland ist beliebt

Seit 2012 hat sich allein in Deutschland die Zahl der Kroaten nach Angaben des dortigen Bundesamts für Migration und Flüchtlinge um 50 Prozent vermehrt. Das Ausmass des seit dem EU-Beitritt beschleunigten Exodus wird von Kroatiens Bevölkerungsstatistiken hingegen kaum erfasst, denn nur die wenigsten Auswanderer melden sich ab. Positiv schlagen sich die Folgen allerdings auf die Arbeitslosenstatistiken nieder. So ist Kroatiens Arbeitslosenrate seit 2014 von 17,5 auf 11 Prozent gesunken, die Jugendarbeitslosigkeit laut Eurostat gar von 44,5 auf knapp 26 Prozent geschrumpft.

Stadt der Rentner

Für die Bevölkerungsentwicklung in Slawonien hat der Aderlass indes verheerende Folgen. Allein in einem Jahr hat sich die Zahl der Schüler in Vukovar um ein Fünftel vermindert. Fast ein Drittel der Wohnungen stünden zum Verkauf, berichtet Milan Paun, Redaktor der «Vukovarske novine». Die Immobilienpreise seien ins Bodenlose gestürzt. Ob als Beamter, Frührentner oder Sozialhilfeempfänger – fast jeder zweite Bewohner sei von staatlichen Zahlungen abhängig. «Die Jungen ziehen weg. Wir werden zu einer Stadt der Rentner.»

Häuser ohne Hüter

Zerfallene Werkshallen, von Einschusslöchern durchsiebte Fassaden: Statt 24 000 Mitarbeiter wie zu jugoslawischen Zeiten ­beschäftigt Vukovars einstiger Schuhriese Borovo heute nur noch 500. Die meisten der im Krieg zerstörten Backsteinhäuser in der nahen Arbeitersiedlung wurden zwar wieder aufgebaut. Doch mehr als zwei Jahrzehnte nach Kriegsende hat der erneute Exodus aus Vukovar viele Eigenheime zu Häusern ohne Hüter ­gemacht.

«Fast ein Drittel der Wohnungen in Vukovar sind leer.»

Milan Paun, Redaktor

Der Mann der Nachbarin arbeite in Belgien, eine weitere Nachbarsfamilie wandere nun nach Dänemark aus, erzählt Bozana. «Wir sind kein Einzelfall. Sie haben die Stadt zwar wieder aufgebaut. Aber was nützen neue Häuser, wenn es für die Menschen kein Auskommen gibt?»

Rüde Sitten am Arbeitsmarkt

Die Folgen der 2007 einsetzenden Finanzkrise sollte auch Kroatien schmerzhaft zu spüren bekommen. Von 2009 bis 2014 wies der Adriastaat sechs Jahre lang in Folge ein Minuswachstum aus. Es sind aber nicht nur die Arbeitslosigkeit und die schlechten Löhne, sondern auch die ­rüden Sitten auf dem Arbeitsmarkt, die viele Kroaten in die Fremde treiben.

Wie ihr Mann habe auch sie beim besten Restaurant in Vukovar gearbeitet, erzählt Bozana. Doch nachdem sich dessen Chef eine neue Limousine zugelegt ­habe, sei er mit der Zahlung der Gehälter fünf Monate in Verzug geraten. «Selbst die Abgaben für die Krankenkasse wurden nicht mehr bezahlt.» Danach versuchte sich die Köchin kurz als Telefonistin, doch erhielt sie vom Arbeitgeber nie einen Lohn. «Viele Firmen erklären sich für bankrott, machen unter anderem Namen weiter – und bleiben die Löhne schuldig. Man steht dann vor dem Dilemma, ob man geht – und die nicht ausgezahlten Gehälter verliert. Oder bleibt – und auch kein Geld erhält.»

Familienleben auf Distanz

Niemand habe ihn zur Emigration gezwungen, erzählt ihr seit 2014 in Schwaben arbeitender Mann Ivan am Telefon über die zweite Flucht aus seiner Heimatstadt. «Aber in Vukovar konnten wir allenfalls überleben, kamen keinen Schritt vorwärts.»

Vorläufig nutzt der Exilkoch seine Überstunden, um einmal im Monat nach Hause zu fahren. Natürlich wäre es besser, wenn die Familie immer zusammen wäre, sagt der 36-Jährige. «Aber besser ist es, ich bin nur manchmal zu Hause und wir haben alles, was wir brauchen, als dass wir uns tagtäglich sehen, aber es uns an allem fehlt.»

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