«Menschen, die buchstäblich aus dem Wald kommen»

Serbiens Regierungschefin beleidigt die Kosovo-Albaner. Diese antworten mit Humor – und Bildern von Xhaka, Shaqiri und Popstar Rita Ora.

«Wir haben mit Menschen zu tun, die buchstäblich aus dem Wald kommen»: Ana Brnabic.

«Wir haben mit Menschen zu tun, die buchstäblich aus dem Wald kommen»: Ana Brnabic.

(Bild: AFP)

Enver Robelli@enver_robelli

Diese Frau ist keine Hinterwäldlerin. Ana Brnabic stammt aus einer serbisch-kroatischen Familie, sie hat Betriebsökonomie in den USA und in Grossbritannien studiert, sie spricht Englisch und Russisch, sie hat jahrelang für die amerikanische Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (Usaid) und für eine Windenergiefirma gearbeitet. Als Brnabic vor zwei Jahren serbische Regierungschefin wurde, gab es viel Lob vor allem aus Westeuropa. Sie sei kompetent, weltoffen, tolerant und wirtschaftsliberal, hiess es.

Ausserdem ist Brnabic eine bekennende Lesbe und die erste Ministerpräsidentin in der Geschichte des Balkanlandes. Eine Frau mit einer solchen Lebensgeschichte, die im homophoben Serbien immer wieder angefeindet wird, müsste eigentlich Diskriminierung, Hassbotschaften und hetzerische Stimmungsmache entschieden ablehnen. Weit gefehlt.

Wenn serbische Politiker nicht mehr weiterwissen, sprechen sie über Kosovo.

Letzte Woche trat Ana Brnabic vor die Presse, um über den jüngsten Fortschrittsbericht der EU-Kommission zum Beitrittskandidaten Serbien zu sprechen. Sie wirkte dabei ziemlich hilflos, weil Brüssel schlechte Noten erteilt hatte. Serbien wird als semiautoritär regiertes Land beschrieben, besonders gravierend sind demnach die Rückschritte bei Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit.

Also tat Brnabic das, was serbische Politiker fast immer tun, wenn sie nicht weiterwissen: Sie sprechen über Kosovo. Brnabic sagte, sie sei besorgt über die Lage in Kosovo, sie habe Angst vor einer Eskalation, und fügte hinzu: «Wir haben es mit Menschen zu tun, die buchstäblich aus dem Wald kommen.» Diese Hinterwäldler würden sich irrational verhalten, Serbien dagegen rational.

Die überheblichen und xenophoben Äusserungen lösten heftige Reaktionen aus. Das kosovarische Aussenministerium verhängte sofort eine Einreisesperre gegen Brnabic. Staatschef Hashim Thaci forderte die EU auf, die «rassistische Rhetorik» der serbischen Premierministerin zu verurteilen. Das tat die EU umgehend, aber Brnabic zeigte sich unbeeindruckt: Sie habe die Wahrheit gesagt und werde sich nicht entschuldigen. Allerdings habe sie «nur» die politische Führung in Kosovo gemeint, nicht das ganze Volk, so Brnabic. Mit dieser sogenannten Klarstellung konnte sie aber die Wogen nicht glätten.

Gegenkampagne mit Spott und Humor

In den sozialen Medien läuft seit Tagen eine mal spöttische, mal humorvolle Kampagne von Kosovo-Albanern gegen die serbische Premierministerin. Unter dem Hashtag #literallyjustemergedfromthewoods posten sie Bilder von Spaziergängen im Wald oder im Park, von Wandertouren in den kosovarischen Bergen und von Hängematten, die an Bäumen befestigt sind. Andere antworteten der serbischen Regierungschefin mit Bildern von Rita Ora und Dua Lipa. Die beiden weltweit bekannten Popsängerinnen stammen aus der kosovarischen Hauptstadt Pristina. Auf Twitter zirkulieren auch Bilder von Mutter Teresa sowie den Nati-Stars Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri.

Liberale Publizisten in Belgrad, die freilich kein grosses Publikum erreichen, bezeichneten die Aussagen der Regierungschefin als Frechheit. Brnabic blicke auf die Kosovo-Albaner herab und betrachte sie als Gesindel ausserhalb der Zivilisation. Die Politologin Isidora Stakic beklagte sich in einem scharfen Kommentar, dass in Serbien wieder die antialbanischen Stereotype und Vorurteile salonfähig würden. Sie zitierte den serbischen Arzt und Staatsmann Vladan Djordjevic, der schon im 19. Jahrhundert behauptet hatte, nur unter den Albanern gebe es «geschwänzte Menschen».

Der Historiker Vaso Cubrilovic schrieb Ende der 1930er-Jahre mindestens zwei Denkschriften zur Vertreibung der Albaner aus Kosovo: Diese «grobschlächtige, widerstandsfähige und gebärfreudige Rasse» müsse in die Türkei verschwinden. Und vor ein paar Jahren forderte der grossserbische Schriftsteller Dobrica Cosic die ethnische Teilung Kosovos, weil die dortigen Albaner «anthropologische Besonderheiten» aufweisen würden. Das serbische Volk, so Cosic, sei «das demokratischste, zivilisatorischste und gebildetste balkanische Volk», deshalb könne er mit dem tribalen und barbarischen Volk der Albaner nicht leben.

Noch heute bezeichnen serbische Minister und Belgrader Krawallblätter die Albaner als «siptari», ein Schimpfwort wie «Nigger» für die Schwarzen in den USA. In diesem Wald voller Vorurteile hat sich offenbar auch Ministerpräsidentin Ana Brnabic verirrt.

«Normalisierung des Rassismus»

Solange sich die Politiker von diesem rassistischen Diskurs nicht verabschiedeten, werde es keine Normalisierung der Beziehungen zwischen Serben und Kosovo-Albanern geben, sondern leider nur eine «Normalisierung des Rassismus», meint die junge Wissenschaftlerin Isidora Stakic. Die Geschichte wird auf beiden Seiten zu politischen Zwecken instrumentalisiert, in Schulbüchern für serbische und kosovo-albanische Kinder tobt der Krieg weiter, die Medien schüren Vorurteile.

Ana Brnabic, deren Partnerin kürzlich einen Sohn zur Welt brachte, sagt in Interviews, sie wolle lieber eine Technokratin sein, die sich um Digitalisierung und Daten-Highways des Landes kümmere. Aber manchmal lässt sie die Maske fallen. Im vergangenen Herbst provozierte sie die bosnischen Muslime mit der Aussage, das Massaker in Srebrenica sei kein Völkermord gewesen. Und nun waren die «Waldmenschen» in Kosovo an der Reihe.

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