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Obama landet mit mehrjähriger Verspätung in Berlin

Kanzlerin Angela Merkel empfängt Barack Obama zu seinem ersten Besuch als US-Präsident in Berlin. Die Beziehung der beiden war anfangs holprig. Die Annäherung kommt zum bestmöglichen Zeitpunkt.

Vor einem Jahr wäre ein Besuch Obamas in Deutschland undenkbar gewesen: Kanzlerin Angela Merkel und der US-Präsident.
Vor einem Jahr wäre ein Besuch Obamas in Deutschland undenkbar gewesen: Kanzlerin Angela Merkel und der US-Präsident.
AFP

Der Countdown läuft: Heute Abend landet Barack Obama zu seinem ersten Besuch als US-Präsident in Berlin. Höhepunkt wird eine Rede am Brandenburger Tor sein. Dass er mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im offenen Wagen durch Berlin braust, wie vor 50 Jahren sein Vorgänger John F. Kennedy mit Konrad Adenauer und Willy Brandt, ist nicht geplant. Zu Obama würde das zwar passen. Aber Merkel auf Glamour-Tour ist schwer vorstellbar.

Die beiden sind ein ungleiches Paar. Ihre Beziehung hatte kühle Phasen und einen Höhepunkt, als Obama Merkel vor zwei Jahren in Washington hofierte und ihr die Freiheitsmedaille verlieh. Der Besuch Obamas nun – wenige Monate vor der Bundestagswahl - sei ein «deutliches Signal», dass beide zueinandergefunden hätten, meint Andreas Fritzenkötter, langjähriger Berater von Ex-Kanzler Helmut Kohl und Merkel-Vertrauter. Er hält das Verhältnis der beiden für «freundschaftlich, ja herzlich». Oder ist es nur Fassade?

Der «Big-Brother-Präsident»

Der Start der Beziehung war holprig. Als Obama 2008 als Präsidentschaftskandidat am Brandenburger Tor sprechen wollte, hielt Merkel das für unangemessen, was Obama wiederum eine ganze Weile verschnupft haben soll. Und anders als bei den 200'000 Menschen, die Obama damals mit seiner Rede an der Siegessäule begeisterte, sprang der Funke bei Merkel nie richtig über. Warum ihr US-Kollege von den Deutschen so verehrt wird, obwohl seine Taten hinter seinen schönen Worten zurückbleiben, kann sie schwer nachvollziehen.

In Guantanamo sind noch immer mehr als hundert Gefangene weggeschlossen. Und die jüngsten Enthüllungen über das Späh-Programm Prism lassen Obama als «Big-Brother-Präsidenten» erscheinen - ein möglicher Schönheitsfehler beim Besuch: «Das wird eine knifflige Sache, wie sie dieses Thema anpacken werden», sagt Steve Szabo, Direktor des Washingtoner Instituts Transatlantic Academy. «Die Kanzlerin wird es nicht ignorieren können, sie wird etwas dazu sagen müssen.»

Viel Druck von Merkel

Und doch kommt die Visite für beide zum bestmöglichen Zeitpunkt. Fritzenkötter sieht sie als Wahlkampfhilfe: «Obama könnte ja auch sagen: Ich warte bis zum Herbst, bis die Wahl entschieden ist.» Und Szabo ist überzeugt, «dass Merkel auf ihn viel Druck ausgeübt hat, während des Wahlkampfes zu kommen.» Obama wiederum sei an einer guten Arbeitsbeziehung mit der Frau interessiert, die womöglich vier weitere Jahre Kanzlerin sein wird. Profitieren wird der US-Präsident schon diesmal: Er kann vor dem Brandenburger Tor strahlen - was ihm daheim schon lange nicht mehr gelingt.

Vor einem Jahr noch wäre der Besuch undenkbar gewesen. Damals stand Obama im Wahlkampf, die Eurokrise tobte und der Präsident fürchtete um die US-Wirtschaft und seine Wiederwahl. Washington hielt Merkels Sparkurs für das Problem und machte massiv Druck. «Das muss man aushalten», hiess es damals im Kanzleramt. Inzwischen ist Obama wiedergewählt. Und besonders das Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Eurozone wieder in ruhigere Gewässer gesteuert. Der Zeitpunkt für eine Annäherung ist günstig.

Gemeinsamkeiten

Und bei allen Verschiedenheiten im Temperament: Gemeinsamkeiten gibt es einige. Als erster schwarzer Präsident, als erste Frau aus dem Osten haben sich beide als Aussenseiter durchgesetzt. Angetrieben werden sie nicht von Ideologien, sondern vom Ehrgeiz, Probleme pragmatisch zu lösen. «Sie sind beide emotionslose, rationale Vollblutpolitiker», sagt US-Experte Szabo. Und einig sind sich beide auch in der Überzeugung, dass nationale Alleingänge oder regionale Abschottungen als Lösung nicht mehr taugen.

Das sind dicke Pfeiler für eine gute Arbeitsbeziehung. Und die ist wichtig, um das derzeit wichtigste transatlantische Projekt zu verwirklichen. Das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA soll in Berlin oben auf der Agenda stehen.

AFP/wid

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