Oktoberrevolte auf Londons Strassen

Weit über eine halbe Million Menschen machen Front gegen den EU-Austritt – und die Chancen für eine neue Brexit-Abstimmung steigen.

Hunderttausende mobilisiert: Es könnte sich Medienberichten zufolge um die grösste Demonstration seit 15 Jahren in der Hauptstadt handeln. (Video: SDA)
Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Das Brexit-Drama treibt seinem Höhepunkt entgegen – und die Brexit-Gegner haben genug vom Verhandlungs-Chaos in diesem Herbst. Mit grösster Besorgnis haben sie diese Woche den ergebnislosen Gipfel von Brüssel verfolgt. Es beginnt ihnen unheimlich zu werden. Angst davor, womöglich ganz ohne Deal aus der EU zu purzeln, macht sich auf der Insel breit.

Kein Wunder, dass der Unmut über «Theresa May's Brexit» nun heftigere Proteste denn je auslöst. Hunderttausende von Menschen zogen gestern durch London, um gegen den EU-Austritt – und vor allem gegen «diese Art von Brexit» – zu demonstrieren.

Nach Angaben der Veranstalter waren es 700'000 Demonstranten – siebenmal so viele wie bei der letzten Kundgebung im Juni dieses Jahres. Es waren Leute allen Alters, die das mittlerweile vertraute blau-gelbe Beret trugen und sich in der Oktobersonne ihre mit Sternen besäten Europa-Fahnen oder hier und da einen Union Jack um die Schultern gehängt hatten.

«Lügen, Lügen, Lügen»

Es waren Familien mit Kindern, junge Paare, ganze Freundeskreise, Umweltgruppen und kleine Partei-Abordnungen. Musikkapellen gab es, Tanzbären, walisische Drachen und sogar dumpf schellende Kuhglocken.

Briten aus dem ganzen Land marschierten auf, zusammen mit im Königreich ansässigen Europäern, von denen es immerhin auch mehr als drei Millionen gibt – und die ihrerseits das Schlimmste befürchten für nächsten März.

In einem waren sich die Demonstranten einig: Nämlich dass es einen neuen Volksentscheid braucht.

«Hört endlich auf, mit unserer Zukunft zu spielen», mahnten Poster, die zuhauf zu sehen waren am Samstag auf dem Weg vom Hyde Park nach Westminster. «Lügen, Lügen, Lügen» hätten die Brexiteers den Leuten 2016 aufgetischt, klagten andere: Für das, was jetzt aufs Vereinigte Königreich zukomme, habe niemand gestimmt.

«Die Uhr tickt», warnte ein von seinem Träger hoch gehaltenes Transparent. «Wir müssen endlich wieder die Kontrolle übernehmen», mahnte ein anderes – mit einem ironisch gewendeten Lieblingssatz Boris Johnsons. In einem jedenfalls waren sich die Demonstranten einig: Nämlich dass es einen neuen Volksentscheid braucht, dass in Kürze ein «People's Vote» fällig ist.

Chancen für neues Referendum steigen

«Klar ist doch, dass uns die Premierministerin nur die Wahl geben will zwischen einem miserablen Deal und überhaupt keinem Deal», meinte der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, der den Demonstrationszug anführte. «Das ist eine Million Meilen entfernt von dem, was man uns vor zweieinhalb Jahren versprochen hat.»

Ob es nun tatsächlich zu einem zweiten Brexit-Referendum kommen wird, weiss in diesen turbulenten Herbsttagen freilich niemand. Theresa May hat eine solche Möglichkeit ja mehrfach ausgeschlossen. Das Volk, sagte sie immer wieder, habe seine Abstimmung gehabt.

Unerlässlich für den Beschluss eines neuen Referendums wäre zweifellos ein Ja der Labour Party. Bei Labour wird aber um ein «People's Vote» noch immer hart gerungen. Die Schottische Nationalpartei dagegen würde, wenn es dazu käme, «bedingungslos» für ein neues EU-Referendum stimmen: Das bestätigte Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon, die per Video-Liveschaltung zu den Demonstranten sprach. Sie erhielt dafür tosenden Applaus.

Nur noch 41 Prozent aller Briten halten den Brexit für die richtige Entscheidung, während 47 Prozent den Austritt falsch finden.

Liberaldemokraten und Grüne treten schon seit langem für ein zweites Referendum ein. Aber auch immer mehr Tory- und Labour-Hinterbänkler haben sich in jüngster Zeit dafür ausgesprochen. Dass mittlerweile eine Mehrheit der Wähler ebenso denkt, legen jüngste Umfragen nahe – nachdem noch vor einem Jahr nur eine kleine Minderheit so etwas für möglich hielt.

Auch so manchem früheren Brexit-Befürworter ist neuerdings offenbar mulmig zumute, angesichts der Warnungen vor den ernsten Konsequenzen einer Abspaltung von Europa. Einer an diesem Wochenende veröffentlichten Umfrage des YouGov-Instituts zufolge halten nur noch 41 Prozent aller Briten den Brexit für die richtige Entscheidung, während 47 Prozent den Austritt falsch finden. Die übrigen 12 Prozent sind sich unschlüssig. Auf sie kommt es im Wesentlichen an.

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