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Polens letzter Diktator ist tot

Für seine Anhänger war Jaruzelski ein tragischer Held, der sein Volk vor einem blutigen Bürgerkrieg und dem drohenden sowjetischen Einmarsch rettete. Seine Gegner sahen in ihm einen kommunistischen Diktator

Wurde seit längerem wegen Krebs behandelt: Wojciech Jaruzelski im Jahr 1981.
Wurde seit längerem wegen Krebs behandelt: Wojciech Jaruzelski im Jahr 1981.
AFP

Ein Mann in Generalsuniform mit dunkler Brille und starren Gesichtszügen steht vor der Fahne Polens und verkündet das Kriegsrecht: Es ist eines der zentralen Bilder, das von Wojciech Jaruzelski bleiben wird.

Für die einen ist er ein Schurke, der seiner Verurteilung nur durch seinen schlechten Gesundheitszustand entgehen konnte. Für die anderen ist er ein Patriot, der zu einer schweren und tragischen Entscheidung gezwungen wurde. Diktator oder tragischer Held - bis zuletzt entzweite der General Polen.

Das Gesicht des kommunistischen Staatsapparats

Die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 machte Jaruzelski schlagartig weltweit bekannt. Der Mann mit der dunklen Sonnenbrille war plötzlich das Gesicht des kommunistischen Staatsapparats, der mit aller Härte gegen die Bürgerrechtsbewegung und die Gewerkschaft Solidarnosc vorging, der die Hoffnung auf Reformen und vorsichtige Demokratisierung erstickte.

Zu dieser Zeit hatte Jaruzelski bereits eine glänzende Partei- und Militärkarriere hinter sich. Eine Laufbahn als kommunistischer Parteichef schien dem Sohn eines adeligen Gutsverwalters kaum in die Wiege gelegt. In einem Warschauer Internat erhielt er eine strenge katholische Erziehung.

Der Zweite Weltkrieg, der mit Deutschlands Angriff auf Polen am 1. September 1939 begann, veränderte Jaruzelskis Leben jedoch grundlegend. Im Alter von 16 Jahren wurde er von den in Ostpolen einmarschierenden Sowjets mit seiner Familie nach Sibirien deportiert. Dort schuftete er jahrelang als Holzfäller. Sein Vater überlebte das Lager nicht.

Ministerpräsident und Parteichef

1943 meldete sich Jaruzelski zu den polnischen Einheiten, die die Rote Armee im Kampf gegen Nazi-Deutschland aufstellte, nahm am Kampf um Berlin teil. Obwohl der junge Offizier zunächst mit dem Kommunismus nichts im Sinn hatte, wurde er 1947 Mitglied der Polnischen Arbeiterpartei, 1958 jüngster General Polens und 1965 Generalstabschef.

Im April 1968 übernahm er das Amt des Verteidigungsministers. Auf dem Höhepunkt von Arbeiterprotesten und Streiks wurde er 1981 Ministerpräsident und Parteichef zugleich.

Tausende Bürgerrechtler inhaftiert

Mit der Herrschaft der kommunistischen Generäle wurde dem Reformprozess der vorangegangenen 15 Monate ein Ende bereitet, die Gewerkschaft Solidarität für illegal erklärt. Arbeiterführer Lech Walesa wurde ebenso wie Tausende Bürgerrechtler interniert. Für Jaruzelski war das Kriegsrecht die unblutigere Alternative zu einer sowjetischen Intervention.

Nicht nur das Kriegsrecht, auch die blutige Niederschlagung der Streiks an der polnischen Ostseeküste hatte für Jaruzelski ein gerichtliches Nachspiel. Zu einem Urteil kam es nicht - das Gericht entschied nach jahrelangen Verhandlungen, Jaruzelski sei wegen seiner Gesundheit nicht verhandlungsfähig.

Um seinen guten Namen kämpfte Jaruzelski in mehreren Buchveröffentlichungen, in denen er das Kriegsrecht als das kleinere Übel rechtfertigte. «Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es die Rettung des Landes vor einer viel grösseren Katastrophe war», betonte er wiederholt.

Kampf um Anerkennung

Geschichte machte Jaruzelski aber nicht nur mit der Verhängung des Kriegsrechts. Im historischen Wendejahr 1989 setzte er gegen die Hardliner in der kommunistischen Partei die Gespräche am Runden Tisch mit den Vertretern der Bürgerrechtsbewegung durch, verhandelte eine Teilung der Macht. Er wurde der erste Präsident des zur Demokratie zurückgekehrten Landes.

Doch angesichts der Anfeindungen seiner Gegner verzichtete er schon ein Jahr später auf das Amt und zog sich 1990 aus der Politik zurück. Seinen Kampf um Anerkennung als polnischer Patriot setzte er fort. In den vergangenen Jahren war Jaruzelski wiederholt wegen Lungenentzündung und Krebs im Spital.

SDA/ldc

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