Rumäne aus Überzeugung

Verlässlich, ehrlich und weitgehend skandalfrei: Mit Klaus Johannis haben die Rumänen einen Deutschstämmigen zu ihrem Präsidenten gewählt. Er verkörpert die Tugenden, die viele den Politikern ihres Landes absprechen.

  • loading indicator
Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

«Wir haben unser Land zurückgewonnen» war die erste Reaktion von Klaus Johannis, nachdem das Wahlergebnis bekannt wurde. Wohl zum letzten Mal machte damit Rumäniens Staatspräsident seinen Gegnern klar, was er im Wahlkampf immer wieder betonen musste: Auch als Angehöriger der deutschen Minderheit sei er vollwertiger Rumäne, mit allen Pflichten, aber auch allen Rechten. Nicht nur Zugehörigkeit zur Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen, auch sein protestantisches Religionsbekenntnis und seine Kinderlosigkeit wurden dem 55-Jährigen zum Vorwurf gemacht. Die rumänische orthodoxe Kirche empfahl deshalb sogar den Sozialdemokraten Victor Ponta zur Wahl. Zuletzt aber überwog bei den rumänischen Wählern doch die Angst vor der Macht- und Ämterkumulation Pontas.

Johannis stammt aus der siebenbürgischen Stadt Sibiu (deutsch: Hermannstadt), sein Vater war Techniker, seine Mutter Krankenschwester. Er studierte Physik und arbeitete vor 1989 als Lehrer. Er blieb zwar der kommunistischen Partei fern, engagierte sich aber auch nicht in der ohnehin schwachen rumänischen Dissidentenbewegung. Nach der Wende wanderte seine gesamte Familie nach Deutschland aus, nur Johannis blieb in Rumänien, «aus Überzeugung», wie er heute sagt.

(Quelle: Reuters)

Er stieg in die Kommunalpolitik ein, wurde Mitglied des «Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien» und 2000 zum Bürgermeister von Sibiu gewählt. Johannis suchte den Kontakt zu deutschen Firmen, bot ihnen Investitionsanreize und konnte so Arbeitsplätze in der Stadt mit ihren 140'000 Einwohnern schaffen. 2004 wurde er mit fast 89 Prozent wiedergewählt, 2008 und 2012 ebenfalls mit Zweidrittelmehrheit. Als Kulturhauptstadt Europas wurde die barocke Altstadt von Sibiu 2007 auf Hochglanz gebracht, wichtige Infrastrukturvorhaben wie der Bau einer Umfahrungsstrasse oder die Eröffnung des Flughafens wurden jedoch zu spät fertig: Die Zentralregierung hatte dem ehrgeizigen Bürgermeister die finanzielle Unterstützung verweigert.

Erst 2013 wechselte Johannis aus der Provinz in die Hauptstadt, zuerst als Vizechef und dann als Präsident der Nationalliberalen Partei (PNL). Ein Jahr später stellte ihn seine Partei als Präsidentschaftskandidat auf. Galt die Kandidatur zu Beginn noch als völlig aussichtslos, konnte sich der bullige Johannis bald als ernsthafter Gegner von Victor Ponta etablieren und sich ganz entgegen seiner Natur sogar etwas volksnah geben. Durch Bukarest fuhr er im Wahlkampf mit dem Velo.

Wie weit Johannis finanziellen Versuchungen widerstand, ist umstritten. In Sibiu gehören ihm mehrere Häuser, deren Kauf mit dem Gehalt eines rumänischen Bürgermeisters kaum möglich gewesen wäre. Johannis erklärt sie mit Erbschaften. Anschuldigungen einer Zentralbehörde, er habe sein Amt missbraucht, konnte er in einem Gerichtsverfahren widerlegen.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt