«Schock, gebrochene Nasen, Tränengas»

Am Tag nach den Krawallen: Jonas Hågensen von Médecins sans Frontières schildert den Gewaltausbruch im Flüchtlingslager in Idomeni. Und die Stimmung im Camp.

Erschöpft: Zwei Männer stützen einander gegenseitig, als sie vor dem Tränengas fliehen. (10. April 2016)

Erschöpft: Zwei Männer stützen einander gegenseitig, als sie vor dem Tränengas fliehen. (10. April 2016)

(Bild: Keystone Amel Emric)

Tina Huber@tina__huber

Was haben Sie gestern im Flüchtlingslager in Idomeni erlebt?
Um etwa 12 Uhr mittags traf ich im Camp ein. In der Nähe des Grenzzaunes waren Tränengasschwaden zu sehen, die Menschen rannten wild durcheinander. Kurz darauf eskalierte die Situation, Gewalt brach aus und hielt über Stunden an.

Die mazedonische Polizei setzte Tränengas gegen die Flüchtlinge ein – mit der Begründung, die Flüchtlinge ihrerseits hätten Steine und Metallgegenstände geworfen.
Welche Seite den Gewaltausbruch provoziert hat, kann ich nicht sagen. Doch es kamen immer mehr Verletzte zu uns, die behandelt werden mussten. Erst verarzteten wir die Flüchtlinge in unserer regulären Klinik vor Ort, später mussten wir auf ein zweites, temporäres Zentrum ausweichen. Am Ende des Tages hatten wir rund 300 Menschen behandelt, davon etwa 200 wegen Atembeschwerden durch Tränengas. Weitere 100 waren durch Gummigeschosse verletzt worden, andere wurden im Chaos überrannt, zahlreiche hatten gebrochene Nasen. Etliche standen unter Schock. Sieben Personen mit gravierenden Verletzungen wie offenen Wunden oder Knochenbrüchen haben wir in ein lokales Spital gebracht.

Ein Mitarbeiter von Médecins sans Frontières spricht über die Verletzungen der Flüchtlinge.

Es gibt Berichte über minderjährige Kinder mit Verletzungen durch Gummigeschosse.
Das stimmt, unter den Verletzten waren zahlreiche Frauen und Kinder. Nach den Gerüchten, dass die Grenze geöffnet werde, hatten sich viele Frauen und Kinder Richtung Grenzzaun aufgemacht.

Ausgangspunkt soll ein Flyer gewesen sein, der die Flüchtlinge zum Sturm auf die Grenze aufrief. Haben Sie davon Kenntnis?
Dazu kann ich nichts sagen. Sicher ist, dass die Kommunikation vonseiten der lokalen Behörden sehr unklar ist und deshalb fast täglich Gerüchte über angebliche Grenzöffnungen kursieren.

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Sie arbeiten seit rund einem Monat im Flüchtlingscamp in Idomeni. Wie ist die Stimmung unter den Menschen?
Alle sind sehr, sehr frustriert und verzweifelt. Und wütend. Die meisten harren hier seit rund sechs Wochen unter schlimmsten Bedingungen aus, kommen weder vor noch zurück. Zwei junge Männer, die wir gestern mit Oberkörperwunden behandelten, hatten es nach eigenen Angaben geschafft, über die Grenze auf mazedonisches Territorium zu kommen. Dort seien sie eine Stunde lang festgehalten und von der Polizei geschlagen worden.

Wie präsentiert sich die Lage heute?
Die Stimmung hat sich beruhigt, die Lage ist so weit unter Kontrolle. Ob heute weitere Verletzte wegen der gestrigen Gewalteskalation unsere Klinik aufsuchen, wird sich im Laufe des Tages zeigen. Unsere Arbeit geht wie jeden Tag weiter.

Seit Mazedonien die Grenze geschlossen hat, sitzen im nordgriechischen Grenzort Idomeni 11'000 Flüchtlinge fest.

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thunertagblatt.ch/Newsnetz

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