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«Sohn vom Kohl» lüftet Familiengeheimnisse

Ein neues Buch wirft ein wenig schmeichelhaftes Licht auf den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Das Werk stammt von keinem Geringeren als seinem Sohn.

Sein Sohn nennt ihn «Schattenvater»: Helmut Kohl (rechts) mit Walter Kohl.
Sein Sohn nennt ihn «Schattenvater»: Helmut Kohl (rechts) mit Walter Kohl.
AFP
Walter Kohl (mit gesenktem Haupt) spricht kein Wort mehr mit seinem Vater: Die Familie an der Beerdigung von Mutter Hannelore im Jahr 2001.
Walter Kohl (mit gesenktem Haupt) spricht kein Wort mehr mit seinem Vater: Die Familie an der Beerdigung von Mutter Hannelore im Jahr 2001.
Keystone
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Als Politiker zählte der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl zu den wichtigsten Protagonisten Europas. Seine meistbeachtete Leistung bestand zweifelsohne in der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990.

Als Privatmann liefert das politische Schwergewicht ein eher zweifelhaftes Bild: Dies dokumentiert zumindest das Buch« Leben oder gelebt werden», das im Februar erscheinen soll. Es handelt sich um die Geschichte von Kohls Sohn Walter, der mit einer schonungslosen Offenheit, seine Beziehung, oder besser gesagt, Nicht-Beziehung zu seinem Vater niederschrieb. Dem deutschen Wochenmagazin «Focus» liegen exklusive Auszüge vor.

«Seine wahre Familie heisst CDU»

Auffälligstes Merkmal ist die familiäre Abwesenheit von Helmut Kohl. Als «Gast im eigenen Haus» bezeichnet Walter Kohl seinen Vater. Nur äusserst selten sei er nach Hause gekommen und wenn, dann auf «sehr leisen Sohlen»: Nach den Mahlzeiten vergrub er sich in der Regel im Arbeitszimmer. «Seine wahre Familie heisst CDU, nicht Kohl», schreibt Walter Kohl. Die Politik sei «seine eigentliche Heimat» gewesen.

Walter Kohl litt unter diesem Umstand. Kam dazu, dass er überall nur als «Sohn vom Kohl» wahrgenommen wurde. Dies hinderte ihn noch als Erwachsener eine eigene Identität zu entwickeln. Nirgends zollte man ihm Respekt. Ein ausgeprägter Minderwertigkeitskomplex war die Folge. Konfrontierte er seinen Vater mit dem Problem, sei er von diesem nicht ernst genommen worden. Im Gegenteil. Helmut Kohl deckte seinen Sohn mit Vorwürfen ein: Er sei sich nicht bewusst, welche Vorteile er aufgrund seiner Herkunft habe.

Begegnung mit einem ehemaligen NS-Funktionär

«Jahrzehntelang» habe er auf ein klärendes Gespräch mit seinem Vater gehofft. Doch alle Versuche haben schliesslich «in einem Kreislauf aus Streit, Missverständnissen und mit neuem Schmerz geendet.» Das Gefühl, wie es wohl sein könnte, einen «richtigen» Vater zu haben, verspürte er nur einmal. Dies jedoch nicht gegenüber seinem richtigen Vater, sondern ausgerechnet in einem Gespräch mit einem ehemaligen NS-Funktionär: Die Begegnung mit Hanns Martin Schleyer habe ihn nachhaltig geprägt. Zum Treffen kam es ironischerweise im Büro seines Vaters.

Als damaliger deutscher Arbeitgeberpräsident stand Schleyer in engem Kontakt zu Kohl. Das Gespräch mit ihm sei so gewesen, wie er es sich oft gewünscht habe: Wie mit einem «väterlichen Freund», der ihn «ernst nahm» und wie mit einem Erwachsenem mit ihm gesprochen habe. Doch auch dieses Erlebnis endete für Walter Kohl in einer schlimmen Enttäuschung: Wenige Wochen danach wurde Schleyer von RAF-Terroristen entführt und umgebracht.

Heute sprechen sie nicht mehr miteinander

Die Beziehung zu seinem Vater kühlte sich im Laufe der Zeit immer mehr ab. Bis es 2008 zum vollständigen Bruch kam. Helmut Kohl heiratete damals, und rund sieben Jahren nach dem Suizid von Walters Mutter, seine damalige Lebensgefährtin Maike Richter. Walter Kohl erfuhr von diesem Ereignis bloss per Telegramm. Maike Richter liess ihm zuvor ausrichten, sie wolle ihren Vater «nur für sich haben». So ist es schliesslich auch gekommen.

Seither spricht Walter kein Wort mehr mit seinem Vater. Auf seine direkte Frage: «Willst du die Trennung?», habe er knapp mit «Ja!» geantwortet. Anlass sei ein Interview gewesen, das Walter Kohl 2008 einer Zeitschrift gegeben hatte. Und er sagt, die «Trennung» sei das Beste, was ihm je passiert sei. Es habe ihm geholfen, sich von seinem Vater zu lösen und eine eigene Identität zu entwickeln. Auch wenn er heute noch gern als «Sohn vom Kohl» bezeichnet werde – er fühle sich «frei».

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