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«Süperdogan!»

Nach seinem Wahlsieg wird Erdogan von vielen Medien gefeiert. Die wichtigsten Stimmen im Überblick.

Recep Tayyip Erdogan hat seine Macht zementiert und die AKP erhält die absolute Mehrheit im Parlament – allerdings nur im Bündnis mit den Rechtsnationalen der MHP. Für Erdogan ist das ein grosser Erfolg, wenn auch ein teuer erkaufter. Der Grossteil der Medienlandschaft feiert ihn.

Unter Erdogan gilt die Türkei als Land, das die Pressefreiheit massiv eingeschränkt und eingeschüchtert hat. Kritische Journalisten wurden inhaftiert. Reporter ohne Grenzen listete die Türkei 2017 auf Platz 155 (von 180 Ländern).

Wahlbeteiligung «über 90 Prozent»

Die Tageszeitung Türkiye – sie gilt als AKP-nah – titelt unmissverständlich: «Erdogan ezdi geçti!» Erdogan habe seine Gegner zerquetscht und überfahren. In dem dazugehörigen Artikel hiess es, das türkische Volk habe «ausländischen Mächten und dem schmutzigen Bündnis» (kirli ittifak) ihr «Spiel verdorben». Mit diesem «Spiel» ist der Pakt zwischen den Parteien CHP, IYI und der Saadet-Partei gemeint, die gemeinsam ins Parlament einziehen wollen, auch wenn eine der Parteien unter der Zehn-Prozent-Hürde bleibt. Das türkische Wahlvolk habe Erdogan ein klares Signal gegeben: «Weiter so!» Die ausländischen Mächte, von denen im verschwörerischen Tonfall die Rede ist, werden nicht weiter benannt.

Auch Takvim schreibt von ausländischen Mächten, denen an der Wahlurne eine Lektion erteilt worden sei und fasst den Abend für AKP-Fans in einem Wort zusammen: «Süperdogan!»

Die Tageszeitung Sabah lässt in der Online-Ausgabe keinen Raum für Zweifel, wer ihr Favorit war und schrieb: «Wir hatten versprochen, dass wir dich zum Präsidenten machen werden». Wenn man den Artikel anklickt, erscheint allerdings kein Text, sondern eine Bildergalerie. Die Zeitung selbst zeigt Erdogan im Grossformat und posaunt, dass die Türkei der Welt eine Lektion in Sachen Demokratie erteilt habe. Diese Worte wählte Erdogan in seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg. Die Wahlbeteiligung lag bei «über 90 Prozent».

Der Erfolg der Rechtsnationalen gehört zu den Rätseln der Wahlnacht

Die Zeitung Karar (Entscheidung) gilt als konservativ und moderat regierungskritisch. Sie titelt: «Zwei Siege im ersten Durchgang». Der Kolumnist Hakan Albayrak analysiert, dass die AKP viele Stimmen verloren habe. Albayrak vermutet, dass diese Stimmen an die MHP gingen. Umfragen sahen die Partei bei sechs bis sieben Prozent, de facto hat sie aber mehr als elf Prozent der Stimmen bekommen. «Es ist ein grosser Erfolg, dass eine Partei nach 16 Jahren an der Regierung auf über 40 Prozent der Stimmen kommt», schreibt Albayrak und meint, dass Parteien aus anderen demokratischen Ländern neidisch auf solche hohen Werte wären.

Der Erfolg der rechtsnationalen Partei MHP gehört zu den grossen Rätseln der Wahlnacht. Sie sei der eigentliche Sieger der Wahl, schreibt Can Dündar auf Twitter. Dündar ist ehemaliger Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet. Er lebt derzeit im Exil in Deutschland. Die AKP sei nun abhängig von der MHP. «Von jetzt an gilt das, was Bahçeli sagt», schreibt Dündar über den MHP-Parteichef.

Die regierungskritische Tageszeitung Evrensel widmet ihre Titelseite mehreren Fällen, in denen entweder die Opposition behindert worden sei oder aber AKP-Mitglieder in mehreren Wahllokalen die Beobachter eingeschüchtern und mehrfach Stimmen für die Partei abgegeben haben sollen. Das Titelfoto zeigt eine Gruppe, die mehrere Kilometer zu Fuss zurücklegen musste, um das nächstgelegene Wahllokal aufzusuchen.

Birgün und Sözcü kritisieren den Präsidenten

Birgün findet ebenfalls klare Worte: «Wahl ohne Gerechtigkeit». Das regierungskritische Blatt beschwert sich darüber, dass die Wahlergebnisse lediglich von einer Quelle kamen, der staatsnahen Nachrichtenagentur Anadolu. Die zuerst veröffentlichten Zahlen von Anadolu sahen Erdo?an bei weit über 60 Prozent. Der Vorsprung schmolz dahin. Kritiker – darunter die CHP – werfen Anadolu vor, die Zahlen strategisch zu veröffentlichen und AKP-Gegner von Beginn an zu entmutigen. Auch Birgün merkt an, dass die AKP nun abhängig von der MHP sei.

Die Tageszeitung Sözcü beschwert sich in der Titelgeschichte über den Präsidenten. Er habe von einem Wahlsieg gesprochen, als die Ergebnisse noch inoffiziell gewesen seien – die Auszählung also noch lief. «Die Probleme, die unser Land hat, werden weiterhin bestehen bleiben», schreibt der Journalist Rahmi Turan in einem Kommentar. Beispielsweise werde das Justizsystem sich nicht verändern – Kritiker werfen der Regierung vor, massiven Einfluss auf die Judikative auszuüben.

Die in Deutschland wohl bekannteste türkische Tageszeitung Hürriyet weist daraufhin, dass die AKP bei den Parlamentswahlen die absolute Mehrheit verfehlte. Auch die Cumhuriyet, ein kritisches Blatt, spricht diesen Punkt prominent an und erinnert die Leser daran, dass die Wahlen im Ausnahmezustand stattfand. Hürriyet spricht von einem Erfolg für Erdogan. «Gewonnen hat das türkische Volk», schreibt die Zeitung. Hürriyet wurde im März an einen regierungsnahen Konzern verkauft.

2023 wird die Republik Türkei 100 Jahre alt

Am 24. Juni erschien der überwiegende Teil der türkischen Tageszeitungen mit klaren Aufforderungen auf der Titelseite: «Keine Lethargie – alle an die Urnen» hiess es bei der regierungstreuen Tagezeitung Ak?am. Zwar war die Überschrift wertneutral, aber auf der Titelseite abgebildet wurden nur Erdogan und Ministerpräsident Binali Y?ld?r?m (AKP) – die Opposition und auch die rechtsnationalistische Partei MHP fehlten.

Am Tag nach der Wahl hiess es bei Ak?am, dass Erdogan «der erste Präsident» des neuen Systems sei. Eine Formulierung, die sich in vielen türkischen Medien findet und zeigen soll, dass die Türkei nun mit dem Präsidialsystem in eine neue Ära aufbreche. Entsprechend schreibt die AKP-nahe Tageszeitung Güne?: «Volle Kraft voraus für 2023.» In besagtem Jahr wird die Republik Türkei 100 Jahre alt. Erdogan beschwört seit Jahren seine «Vision 2023»: Zum 100. Jahrestag der Republik soll das Land zu den zehn stärksten Volkswirtschaften der Welt gehören.

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