Terror-Import aus den USA

Die «Atomwaffen-Division», ein rechtsextremistisches Netzwerk, ruft in Deutschland zum Rassenkrieg auf und bedroht grüne Politiker mit dem Tod.

Stehen seit 2015 im öffentlichen Fokus: Mitglieder des rechtsterroristischen Netzwerkes «Atomwaffen-Division». Bild: Screenshot Youtube-Video.

Stehen seit 2015 im öffentlichen Fokus: Mitglieder des rechtsterroristischen Netzwerkes «Atomwaffen-Division». Bild: Screenshot Youtube-Video.

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

«Auch Sie linke Türkensau haben es nun auf unsere Todesliste geschafft.» Cem Özdemir, der frühere Chef der deutschen Grünen, machte Ende Oktober einen Drohbrief an sich selbst publik: «Zurzeit sind wir am Planen wie und wann wir Sie hinrichten werden, bei der nächsten öffentlichen Kundgebung? Oder werden sie von uns vor ihrem Wohnort abfangen.» Ein ähnliches Schreiben erhielt seine frühere Amtskollegin Claudia Roth.

Dutzende von deutschen Politikern, Journalisten und «Antifaschisten» haben in den vergangenen Monaten Hunderte von solchen Drohmails erhalten. Seit dem Mord eines Neonazis am CDU-Politiker Walter Lübcke im Juni und dem Angriff auf eine Synagoge in Halle im Oktober gehe «ein Sturm» durch die rechts­extreme Szene, sagte kürzlich Thomas Haldenwang, Präsident des Verfassungsschutzes.

Gemeinsam war den Drohungen an Özdemir und Roth, dass sie einen Absender trugen, den damals allenfalls Fachleute kannten: «Atomwaffen Division Deutschland». Obwohl nicht sicher ist, ob die Gruppe der wahre Absender der Briefe war oder ob Trittbrettfahrer sich nur des Namens bedient hatten, verkündete Innenminister Horst Seehofer, dass die Behörden deren Treiben «intensiv» verfolgten (lesen Sie hier, wie Horst Seehofer die Mittel gegen rechte Gewalt ausbauen will).

«Auf Töten aus»

In Deutschland ist die «Atomwaffen-Division», deren Mitglieder mit Totenkopfmasken, grünen Tarnanzügen und schwarzen Strahlenschutzemblemen posieren, seit Mitte des letzten Jahres offiziell aktiv. In einem Propaganda- und Rekrutierungsvideo verkündete damals ein Mann auf Deutsch und mit elektronisch verzerrter Stimme die Gründung der Filiale. Sie sei «auf Gewalt und Töten» aus und würde bald damit beginnen.

Gemäss Recherchen des ZDF und des Nachrichtenportals t-online.de spielt ein Neonazi aus dem thüringischen Eisenach in der Gruppe womöglich eine wichtige Rolle. Der Kampfsportler unterhielt in den sozialen Medien rechtsextremistische Accounts, fuhr für Schiessübungen mit anderen Neonazis nach Tschechien und prahlte auf einer spezialisierten Website mit seinen Kenntnissen beim Bau improvisierter Sprengladungen. «Deutschland ist meine Religion, Hitler mein Prophet», schrieb der Mann in einem Chat. Letzte Woche durchsuchten Beamte des Bundeskriminalamtes seine Wohnung und beschlagnahmten verschiedene Datenträger.

Die «Atomwaffen-Division» wurde 2015 in den USA gegründet, verherrlicht Massenmörder und gilt heute als eines der gefährlichsten rechtsterroristischen Netzwerke der Welt. Die Gruppe, der in den USA zwischen 40 und 80 Mitglieder angehören, will Atomkraftwerke in die Luft sprengen, das «System» stürzen und einen apokalyptischen Rassenkrieg entfesseln.

Schon fünf Morde

Alleine in den letzten zwei Jahren wurden ihnen mindestens fünf Morde angelastet. Der 20-jährige Samuel W. etwa ermordete in Kalifornien einen homosexuellen jüdischen Studenten. In Chats lobte er den «Nationalsozialistischen Untergrund» (NSU), der in Deutschland zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen umbrachte: «Der NSU war ziemlich cool.»

Nach Erkenntnis der britischen Behörden hat die «Atomwaffen-Division» mittlerweile autonome Zellen in der ganzen Welt gebildet: in Kanada, Südamerika, Australien, Skandinavien, Osteuropa – und eben auch in Deutschland. Der «Spiegel» berichtete, spätestens seit 2017 seien amerikanische Mitglieder nach Deutschland und deutsche Sympathisanten in die USA gereist, um entsprechende Kontakte zu knüpfen.

«Deutschland ist meine Religion, Hitler mein Prophet», schrieb ein Mitglied in einem Chat.

Vor einem Jahr warnte das FBI die deutschen Behörden, dass ein amerikanischer Neonazi nach Deutschland eingereist sei – womöglich um eine amerikanische Aktivistin zu bedrohen, die vor der Gruppe aus den USA geflüchtet sei. Die europäische Polizeibehörde Europol forderte kürzlich, dass verdächtige gewaltbereite Rechtsextremisten künftig auf eine EU-weite Terrorliste gesetzt werden – wie es bei Islamisten schon länger der Fall ist.

Vor zehn Tagen landete der Amerikaner Kyle M. in Berlin, der nach Ansicht der Behörden zum «harten Kern» der «Atomwaffen-Division» gehört. Die Amerikaner hatten die Deutschen vorab gewarnt. Laut einem Bericht der «Zeit» wurde ihm nach einer Befragung die Einreise verweigert, die Polizisten setzten ihn ins nächste Flugzeug zurück. M. hält offenbar engen Kontakt zu deutschen Bands, die sogenannten «national-sozialistischen Black Metal» spielen. Auch bei ihm führen Spuren nach Thüringen.

M. erzählte den Behörden, er reise nach Deutschland, weil er hier Ferien machen und heiraten wolle. Möglicherweise hat er nicht einmal gelogen. Tatsächlich war eine junge Deutsche aus Mecklenburg-Vorpommern zum Flughafen gekommen, um ihn abzuholen. Die «Zeit» zitierte Sicherheitskreise, wonach die junge Frau «geschockt» und «aufgewühlt» auf die Einreisesperre reagiert habe.

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