Verblendete Linke liebten einen Terroristen

Linksterrorist Cesare Battisti genoss unter den linken Intellektuellen in Paris grosses Ansehen. Jetzt hat er vier Morde gestanden.

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Oliver Meiler@tagesanzeiger

Der Römer Cesare Battisti war immer schon ein schrecklich falscher Held, ein Blender und Lügner. Die Italiener brauchen dafür das Wort «canaglia», Schuft. Nun, da der inhaftierte frühere Linksterrorist gestanden hat, dass er damals in den Siebzigern, den bleiernsten Jahren der jüngeren italienischen Geschichte, an allen vier Morden beteiligt war, für die er verurteilt wurde, dürften auch seine vielen Freunde und Fürsprecher an der Pariser Rive Gauche ein anderes Bild von ihm haben. Der Fall Battisti ist ein erstaunliches, ja groteskes Beispiel für ideologische Verblendung.

Jahrzehntelang lebte Battisti in Frankreich, als Flüchtiger im politischen Exil. Wie 150 weitere Mitglieder italienischer Terrorgruppen profitierte er von der «Doctrine Mitterrand». Der frühere französische Präsident François Mitterrand bot Asyl an gegen die Aufgabe des bewaffneten Kampfes. Ausgenommen waren Leute «mit blutigen Händen». Leute wie Battisti. Der aber stritt seine Taten immer ab. Sein Geld verdiente er als Hausmeister. In der Freizeit schrieb er Kriminalromane und wurde gefeiert dafür. Ein beträchtlicher Teil der linken Pariser Intellektuellenszene sah in Battisti einen Revolutionär, der zum Opfer einer angeblich politisierten, summarischen, manipulativen Justiz geworden ist. Trotz der vielen Indizien, die gegen den Mann sprachen, obsiegten Romantisierung und Idealisierung. Obschon seine Karriere vom Kleinkriminellen aus dem römischen Hinterland zum Mitglied der «Bewaffneten Proletarier für den Kommunismus» in Mailand bekannt war, brachte er es zum Heroen.

Aus den Appellen und Petitionen gegen eine Auslieferung Battistis quoll die Arroganz einer vermeintlichen moralischen Überlegenheit. 

In den Cafés im Quartier Latin, unter den neuen Philosophen, den Künstlern und Schriftstellern, mochte man es nicht so genau wissen. Es zählte die grosse Geste, die militante Salonrede. Italien galt Battistis Lobbyisten als prekärer Rechtsstaat, als halbes Regime sogar, das Rache übte an seinen Gegnern. Die italienischen Richter? Jäger! Die Kronzeugen? Alle gekauft! Aus den Appellen und Petitionen gegen eine Auslieferung Battistis quoll die Arroganz einer vermeintlichen moralischen Überlegenheit. Der französischen Linken gab offenbar nicht zu denken, dass auch die Genossen jenseits der Alpen bis auf wenige Ausnahmen Battisti für eine «canaglia» hielten. Für einen Gauner und verurteilten Mörder. Battisti lächelte höhnisch, wenn er für italienische Magazine fotografiert wurde, einmal auch mit Cocktail in der Hand. Der Partito Comunista Italiano, die grossen Gewerkschaften, die Zeitung «La Repubblica» – alle massgeblichen linken Instanzen im Land sahen ihn so. Und sie verdammten den roten Terror genauso wie den schwarzen: unmissverständlich, immer.

Das späte Geständnis rückt nun alles an seinen Platz. Der Held ist das, was er immer war: ein Schuft. Er bereut nicht. Vor allem aber beschämt das Geständnis jene, die den italienischen Rechtsstaat fahrlässig und pauschal infrage stellten. Natürlich gab es in jener dramatischen Zeit auch Irrtümer und Fehlleistungen, aber selten – und offensichtlich nicht bei Cesare Battisti.

Italien wehrte sich meist mit noblen demokratischen Instrumenten gegen die grosse Herausforderung, die das Land damals fast zerrissen hätte. In den Gerichten, nicht in den Stadien, wie Sandro Pertini, Präsident von 1978 bis 1985, einmal sagte. Mit Justiz statt mit Rache. Und das wäre nun mal ein schönes Debattierthema für das Café de Flore.

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