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«Von nun an ist das eine tote Stadt»

Der Giftschlamm in Ungarn hat ein ganzes Dorf vernichtet. Eine Betroffene erzählt, wie sie das Unglück erlebt hat.

Am Freitag kehren die Bewohner nach Kolontar zurück. Doch das Unglück ist noch nicht ausgestanden: Katastrophenexperten der EU auf der Hauptstrasse des Dorfes.
Am Freitag kehren die Bewohner nach Kolontar zurück. Doch das Unglück ist noch nicht ausgestanden: Katastrophenexperten der EU auf der Hauptstrasse des Dorfes.
Keystone
Devecser am Mittwoch, 13. Oktober. Noch gibt es viel zu reinigen.
Devecser am Mittwoch, 13. Oktober. Noch gibt es viel zu reinigen.
Keystone
Helfer versucht, seine Kleidung zu reinigen.
Helfer versucht, seine Kleidung zu reinigen.
Keystone
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Unaufhaltsam drückte die rote Schlammflut die Haustür ein. Kati Holczer und ihr kleiner Sohn sassen in der Falle. Die Frau rettete den dreijährigen Bence auf das in der ätzenden Brühe treibende Sofa. Dann rief sie ihren Mann Balasz an, der in Österreich arbeitete, um Abschied zu nehmen: «Wir werden sterben», sagte sie. Die Lauge stand ihr bis zur Brust.

Auf die Todesangst folgten Schmerzen. Holczer und die Helfer, die sie retteten, trugen wie viele weitere Einwohner der drei überfluteten Orte tiefe Verätzungen davon. Mindestens vier Menschen kamen in der Schlammflut aus dem geborstenen Auffangbecken eines Aluminiumwerks ums Leben. Viele haben Haus und Hof, Hab und Gut verloren. Holczers Foxterrier «Mazli» (ungarisch: Glück) liegt tot im Hof, noch angekettet. Den Labrador «Luca» hat die fast drei Meter hohe Welle mitgerissen.

Schlamm ist nicht radiokativ

34 Häuser in Kolontár sind nach Angaben von Gemeindevertretern so schwer beschädigt, dass sie nicht mehr zu retten sind. Auch Ministerpräsident Viktor Orban schreibt das am ärgsten betroffene Gebiet ab: Er sehe «keinen Sinn» darin, die unbewohnbar gewordenen Häuser am selben Ort wieder aufzubauen, sagte er bei einem Überraschungsbesuch.

Die chemische Zusammensetzung des klebrigen Zeugs wurde noch untersucht. Immerhin, strahlen soll es nicht: «Wir können mit Gewissheit sagen, dass den Messungen zufolge keine Radioaktivität herrscht», sagte Bürgermeister Karoly Tili.

Vor dem Bürgermeisteramt versammelten sich erboste Einwohner und knöpften sich einen Vertreter der Aluminiumfirma vor. Schlammbespritzt und zornig drängten sie sich um den Mann und verlangten Schadenersatz für ihre Häuser, für ihre Felder, für ihre vernichtete Existenz.

Sichtlich erschüttert sass Joszef Deak, Manager des Mutterkonzerns MAL des Aluminiumwerks Ajkai Timfoldgyar, auf dem Beifahrersitz eines Streifenwagens und wandte sich über dessen Lautsprecher an die Leute. Das Unternehmen werde sich nicht aus der Verantwortung stehlen, wenn es für schuldig befunden werde, versicherte er.

Wer kann, zieht weg

Den wütenden Menschen ging es nicht allein um die 34 unbewohnbaren Häuser: Die gesamte Gemeinde sei vernichtet, weil Grund und Boden wertlos geworden seien, empörten sie sich. «»Die ganze Siedlung sollte plattgewalzt werden!», rief Janos Potza übder das Stimmengewirr seiner Nachbarn hinweg. «Es hat keinen Zweck, dass irgendjemand nach Hause zurückkommt.»

«Wer kann, wird aus Kolontár weg ziehen», sagte Beata Gasko Monek; sie schäumt vor Wut. «Von nun an ist das eine tote Stadt.»

SDA/miw

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