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Warum die ARD nicht an die «Geisterschiff»-Geschichte glaubt

Der Frachter Blue Sky M sei mit Hunderten Flüchtlingen ohne Kapitän unterwegs, hiess es im Dezember. Ein Bericht zeichnet nun ein anderes Bild.

Manövrierunfähiger Kahn oder funktionstaugliches Schiff? Der unter moldauischer Flagge fahrende Frachter Blue Sky M im Hafen von Gallipoli in Süditalien. (31. Dezember 2014)
Manövrierunfähiger Kahn oder funktionstaugliches Schiff? Der unter moldauischer Flagge fahrende Frachter Blue Sky M im Hafen von Gallipoli in Süditalien. (31. Dezember 2014)
Ivan Tortorella, Keystone

Kurz vor der Jahreswende fing die italienische Küstenwache einen Frachter mit rund 770 Flüchtlingen an Bord ab. Das ausgediente Handelsschiff Blue Sky M war offenbar auf Kollisionskurs mit der apulischen Küste; die mehrheitlich aus Syrien stammenden Flüchtlinge hatten einen Notruf abgesetzt. Nur drei Tage später ein ähnlicher Vorfall, diesmal hiess der Frachter Ezadeen.

Fotos einer jungen Frau zeigen die Situation im Schiffsbauch der Blue Sky M: Flüchtlinge liegen auf dem Boden oder sitzen auf Geländern. (25. Dezember 2014)
Fotos einer jungen Frau zeigen die Situation im Schiffsbauch der Blue Sky M: Flüchtlinge liegen auf dem Boden oder sitzen auf Geländern. (25. Dezember 2014)
AFP
Die Fotografin ist im siebten Monat schwanger und reiste mit ihren Eltern und Geschwistern nach Europa: Junger Mann hockt auf dem Boden des Schiffs. (25. Dezember 2014)
Die Fotografin ist im siebten Monat schwanger und reiste mit ihren Eltern und Geschwistern nach Europa: Junger Mann hockt auf dem Boden des Schiffs. (25. Dezember 2014)
AFP
Ein Flüchtlingsdrama konnte verhindert werden: Eine Mutter mit ihrem Kind wird an Land gebracht. (31. Dezember 2014)
Ein Flüchtlingsdrama konnte verhindert werden: Eine Mutter mit ihrem Kind wird an Land gebracht. (31. Dezember 2014)
AP Photo/ Ivan Tortorella, Keystone
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Experten konstatierten ein neues, besonders skrupelloses Vorgehen der Schlepper: Vor der Küste setzen sie den Frachter auf Autopilot und machen sich aus dem Staub, die Flüchtlinge steuern auf dem manövrierunfähigen Kahn hilflos auf die Küste zu. Von einem «neuen Grad der Grausamkeit» sprach die europäische Grenzschutzagentur Frontex.

So wurde über die Rettung des Frachters Ezadeen berichtet. (Video: Reuters)

Doch nun dreht das ARD-Politmagazin «Panorama» die Vorzeichen um: Die Besatzung habe das Schiff nicht im Stich gelassen, genauso wenig habe eine Gefahr bestanden, dass dieses gegen die italienische Küste pralle. Auch die Berichte über einen «seeuntauglichen Kahn» seien falsch, der Frachter sei ohne Einschränkungen seetauglich gewesen. Und: Die Besatzung habe aus «professionellen syrischen Seeleuten» bestanden. Anfang Januar hatte ein 36-jähriger Syrer gegenüber italienischen Medien erzählt, wie er in Istanbul von den Schleppern als Kapitän für die Blue Sky M angeheuert wurde. Auch er berichtete, dass er das Schiff auf Autopilot gesetzt habe und dass der Aufprall an der Küste gedroht habe.

Die EU-Grenzschutzagentur wolle die Verantwortung für den Tod vieler Flüchtlinge von sich weisen, kritisiert das ARD-Magazin. Von «Frontex-PR» auf Kosten der Schlepper, einem propagandistischen Kampf ist die Rede. Bei seinen Recherchen beruft sich der Sender unter anderem auf Aussagen des ermittelnden italienischen Staatsanwalts Guglielmo Cataldi sowie auf Dokumente zum Zustand des Schiffs. Gegenüber dem Sender sagt Frontex-Sprecherin Ewa Moncure lediglich: «Die Informationen, die wir kurz nach dem Ereignis hatten, sind nicht dieselben, die wir sechs Wochen später haben. Sie nutzen jetzt die aktuellen Informationen.»

Ein Migrationsexperte, der namentlich nicht genannt werden möchte, zweifelt gegenüber Redaktion Tamedia die Vorwürfe an: «Die Kritik ist fragwürdig.» Es seien viele Dinge ungeklärt, etwa die Frage, wie die Migranten auf das Schiff kamen und wer alles zur Besatzung gezählt werde. So könne sich zum Beispiel gegenüber der Küstenwache auch ein Schlepper als Crewmitglied ausgeben. Da Frontex zurzeit wegen der Triton-Rettungsmission in der Kritik steht, sei es ein Leichtes, die Grenzschutzagentur zum Ziel einer Negativkampagne zu machen.

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