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Was über den mutmasslichen Täter von Hanau bekannt ist

Tobias R. hasste Ausländer und war überzeugt davon, verfolgt zu werden.

Das Fahrzeug des Täters wird abtransportiert. Foto: Armando Babani, EPA/Keystone
Das Fahrzeug des Täters wird abtransportiert. Foto: Armando Babani, EPA/Keystone
Reuters

Paranoia, Verschwörungstheorien, Fremdenhass: Erste Angaben der Behörden, ein Bekennerschreiben und Videos erlauben eine Einschätzung von Tobias R., dem mutmasslichen Täter von Hanau.

Gemäss seiner – unterdessen gelöschten – Webseite führte der gebürtige Hanauer ein nach aussen hin unauffälliges, bürgerliches Leben. Der 43-Jährige liess sich zum Bankkaufmann ausbilden, absolvierte den Zivildienst und studierte Betriebswirtschaftslehre in Bayreuth.

Nach bisherigen Erkenntnissen ist der 43-Jährige dem deutschen Verfassungsschutz nicht bekannt gewesen. Auch sei er vor seinem Mehrfachmord strafrechtlich nicht aufgefallen (zur Analyse der Gewalttat). Wie das «Redaktionsnetzwerk Deutschland» berichtet, hat R. die Tatwaffe und weitere Pistolen legal in einem Online-Shop gekauft. Die charakterliche Eignung zum Führen von Waffen war zuletzt vor einem Jahr überprüft worden.

Ein militanter Fremdenhasser

Ganz offensichtlich hasste R. Ausländer. Er habe im Internet Videobotschaften veröffentlicht, die laut dem deutschen Bundesanwalt Peter Frank «neben wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien» eine «zutiefst rassistische Gesinnung aufweisen». Die Bundesanwaltschaft prüfe nun, ob der Täter Mitwisser oder Unterstützer hatte.

Zu den Aussagen Franks passt auch das Bekennerschreiben, das dieser Zeitung vorliegt. Das 24-seitige Pamphlet erlaubt einen Einblick in eine verstörende und wirre Gedankenwelt.

Offen spricht R. über seine Abneigung gegenüber «bestimmten Volksgruppen, nämlich Türken, Marokkanern, Libanesen, Kurden, etc». Deutschland hingegen sei ein Land, in dem «das Beste und Schönste entsteht und herauswächst, was diese Welt zu bieten hat». R. listet Länder auf, die komplett ausgelöscht werden müssen. Es sind grösstenteils Staaten in Nordafrika, dem Nahen Osten und Zentralasien mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit.

Bizarre Wahnvorstellungen

Das Schreiben zeigt auch, dass R. hochgradig paranoid war. Der 43-jährige war überzeugt davon, von einem Geheimdienst überwacht zu sein. Dessen Mitarbeiter könnten Gedanken anderer lesen. Darüber hinaus seien sie fähig, sich in andere «einzuklinken» und bis zu einem gewissen Grad eine Art «Fernsteuerung» vorzunehmen. Die Angst, überwacht zu werden, hatte R. schon während seiner Kindheit. Im Alter von 22 Jahren sei aus dem Verdacht Gewissheit geworden.

Der 43-Jährige hatte auch ein Frauenproblem. Er habe hohe Ansprüche an Frauen, die diese aber nie erfüllen konnten. Deswegen hatte er in den vergangenen 18 Jahren auch nie eine Beziehung. Der deutsche Politikwissenschaftler und Terrorexperte Peter Neumann bezeichnet R. aufgrund dieser Passagen als sogenannten Incel. Dabei handelt es sich um eine Internet-Subkultur von Männern, die sexuell frustriert sind. Gemäss den Incels würden die Frauen ihre Körper als Machtinstrument ausspielen und den Männern Sex vorenthalten.

Woher R. seine krude Weltsicht hat, bleibt unklar. Er beruft sich weder auf einschlägige Literatur noch auf andere Attentäter oder deren Manifeste.

Am 14. Februar veröffentlichte R. auf Youtube ein – unterdessen gelöschtes – Video, das ebenfalls auf eine schwerwiegende Paranoia hinweist. In dem anderthalb Minuten langen Film wendet sich R. auf Englisch an die amerikanische Bevölkerung. Er spricht davon, dass Amerika von geheimen Mächten kontrolliert würde, fantasiert von Gedankenkontrolle und unterirdischen Militärbasen.

Am Schluss sagt er, dass jetzt «Massnahmen» getroffen werden müssten. Einen Hinweis darauf, dass er selber plant, Menschen zu ermorden, gibt es in dem Video aber nicht. In seinem Bekennerschreiben hingegen nimmt R. sein Ableben vorweg. Er schreibt, er werde die Bestätigung für seine Theorien «nun nicht mehr miterleben».

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