Wer zu spät kommt

Markus Somm über das Wunder der britischen Monarchie.

Markus Somm@sonntagszeitung

Die Demonstranten müssen furchterregend ausgesehen haben, als Elizabeth, die Königinmutter, aus ihrem schwarzen Jaguar stieg. Polizisten, Berater alles war nervös. Der ­London School of Economics (LSE) galt der königliche Besuch, doch diese Hochburg der britischen Linken war auch immer eine Hochburg der Republikaner gewesen, also jener Leute, die die Monarchie abschaffen wollten; weswegen sich nun Hunderte von Studenten vor der Universität aufgestellt hatten, und sie schrien und stampften und protestierten gegen die Anwesenheit der Königinmutter, einer alten würdigen Dame.

Furcht kannte diese Frau nicht. Im Zweiten Weltkrieg hatte sie, damals als Königin, ihre Entourage jeweils zur Verzweiflung gebracht, weil sie darauf bestand, Quartiere in London zu besichtigen und die Menschen dort aufzusuchen, die eben einen deutschen Luftangriff überstanden hatten. Noch brannte Feuer. Gebäude drohten einzustürzen, Blindgänger lagen herum, niemand wusste, ob die Deutschen ihre Attacke beendet hatten oder ob noch mehr Bomben fallen würden. Trotzdem kam Elizabeth, in einem einfachen Regenmantel, sprach mit den Verwundeten, tröstete Kinder, half mit, wo immer eine Hand gefragt war.

Die Demonstranten schrien, und Elizabeth schritt schnurstracks auf die lautesten und wildesten zu, was diese bereits zu verunsichern schien, denn verstohlen wie Schüler, die man beim Spicken ertappt hatte, senkten sie die Protestschilder und verstummten. «Mein verstorbener Ehemann, der König», sagte die Königinmutter zu den Studenten, «hätte Freude gehabt, sie so zu sehen. Denn dafür haben wir den Krieg gewonnen: dass Sie hier demonstrieren dürfen.» Der Besuch verlief ohne jede Störung. Ob es danach unter den Studenten noch Republikaner gab, ist offen.

Ein weiteres Erfolgsrezept der Königsfamilie besteht darin, Werte zu vertreten, ohne je politisch zu werden.

Diese wunderbare Geschichte erzählte uns Miguel Head, ein ehemaliger Chefberater der britischen Königs­familie, der derzeit mit mir in Harvard als Fellow seine Forschungen betreibt. Head, ein überaus höflicher, kluger und feinsinniger Mensch, kümmerte sich vorwiegend um die beiden Prinzen William und Harry und so auch um deren Kontakte zu den Medien. Keine triviale Aufgabe, wenn man bedenkt, dass die Prinzen ihre Mutter Diana verloren hatten, weil ein Mob von Pressefotografen sie buchstäblich in den Tod gejagt hatte. Trotzdem, so versichert Head, wüssten die Prinzen, wie wichtig eine freie Presse sei. Sie lesen viel, sie hören Radio und sehen fern, selbst Social Media sind ihnen vertraut: Wenig, sagt Head, interessiere sie mehr. Und besonders William, der künftige König, verfolge mit Sorge die wirtschaftliche Krise, in der die Medien steckten.

Es liegt darin wohl das Geheimnis des anhaltenden Erfolges der britischen Monarchie. Ohne Wertschätzung der Tradition, ohne Liebe des Alten und Versteinerten hätte sie als Institution nie überlebt, und dennoch war sie stets in der Lage, sich zu erneuern. Wie ein geschmeidiger Fels. Man verschliesst sich der Zukunft nicht, ohne die Vergangenheit aufzugeben. So verfügen die Prinzen bisher über keinen eigenen Social-Media-Account, sondern noch wartet man ab. «Wir lassen stets den anderen den Vortritt und folgen etwas später», sagt Head. Er ist überzeugt, dass dieses bewusste Verschleppen des Wandels die vermeintlich Zurückliegenden am Ende zu Siegern macht. In der Tat. Erleben die Altmodischen nicht oft, dass sie plötzlich die Mode bestimmen?

Keine Institution verkörpert die Werte der britischen Nation besser, und zwar die politischen ebenso. 

Ein weiteres Erfolgsrezept der Königsfamilie besteht darin, Werte zu vertreten, ohne je politisch zu werden. Queen Elizabeth, die erstaunlichste Königin seit langem, hat es in ihrer 67-jährigen Herrschaft fertiggebracht, dass bis heute niemand weiss, wo sie politisch steht. Neigt sie den Tories zu oder Labour? Verabscheute sie Thatcher, oder mochte sie Blair? Auch Head, der zehn Jahre lang für die Familie Windsor tätig war, hat keine Ahnung, und wir spüren, dass uns der loyale Berater nichts verheimlicht. Wer aber denkt, die Monarchie sei der Politik damit enthoben, täuscht sich. Das Gegenteil ist der Fall. Keine Institution verkörpert die Werte der britischen Nation besser, und zwar die politischen ebenso.

Auch hier liegt ein Paradox vor. Wenn die Königinmutter die Versammlungsfreiheit gegenüber den LSE–Studenten preist, dann hat das durchaus etwas Ironisches, denn die englischen Könige liessen sich früher lieber köpfen, als diese Freiheit zu gewähren. Heute tun sie so, als wären sie die Garanten dieser Freiheit. Und sie haben recht. Vielleicht ist dies der Kern ihrer Popularität: Sie kamen fast immer zu spät und blieben doch an der Spitze.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt