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Wissenschaftler wegen Erdbeben-Katastrophe verurteilt

Ein italienisches Gericht hat langjährige Haftstrafen für prominente Wissenschaftler verhängt. Ihnen wird vorgeworfen, die Risiken im Vorfeld des Bebens von L'Aquila unterschätzt zu haben.

Die Urteile waren mit Spannung erwartet worden: Gerichtssaal in L'Aquila. (22. Oktober 2012)
Die Urteile waren mit Spannung erwartet worden: Gerichtssaal in L'Aquila. (22. Oktober 2012)
AFP

Drei Jahre nach dem verheerenden Erdbeben im italienischen L'Aquila sind sieben Experten in einem umstrittenen Verfahren wegen fahrlässiger Tötung zu jeweils sechs Jahren Haft verurteilt worden.

Der Richter Marco Billi befand die Mitglieder einer staatlichen Kommission zur Risikoeinschätzung schuldig, durch ihre falsche Einschätzung der Gefahr Mitschuld am Tod der 309 Opfer des Erdbeben vom 6. April 2009 zu tragen.

«Es wurde nicht erwartet, dass sie das Erdbeben vorhersagen, doch sie sollten die Menschen vor der Gefahr warnen», sagte die Anwältin Wania dell Vigna, die elf Erdbebenopfer vertrat. Aldo Scimia, dessen Mutter bei dem Beben starb, sagte, die Angeklagten hätten bei ihrer Aufgabe versagt, Sicherheit zu gewährleisten. Eine Frau sagte, ihre Schwester sei durch die Experten beruhigt worden und habe daher in der Nacht des Bebens zuhause geschlafen.

Gefahr unterschätzt

Die sieben Mitglieder der Kommission für grosse Risiken waren am 31. März 2009 bei einem Treffen in L'Aquila zu dem Schluss gekommen, dass trotz einer Reihe von Erdstössen in der Region kein erhöhtes Risiko bestehe. Der damalige Vize-Direktor der Katastrophenschutzbehörde, Bernardo De Barnardinis, hatte in den Medien erklärt, es bestehe «keine Gefahr». In einer besonders umstrittenen Äusserung riet er der Bevölkerung, sich bei einem Glas Wein zu entspannen.

Entsprechend waren keine besonderen Sicherheitsmassnahmen angeordnet worden. Neben Bernardinis gehörten der Kommission sechs Wissenschaftler an, darunter der Erdbebenexperte Enzo Boschi. Während Bernardinis sich darauf berief, dass die Wissenschaftler ihm versichert hätten, dass die kleinen Erdstösse zur Entladung der Spannung in der Erdkruste beigetragen hätten, bestritten die Wissenschaftler, solche Äusserungen gemacht zu haben.

Staatsanwaltschaft forderte vier Jahre Haft

Die Staatsanwaltschaft hatte Ende September jeweils vier Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung gefordert. Die Analyse der angeklagten Experten kurz vor dem Beben sei «unzureichend und untauglich» gewesen, sagte Staatsanwalt Fabio Picuti zur Begründung. Heute verwies Picuti darauf, dass der Leiter der US-Behörde für Katastrophenschutz (FEMA) zurückgetreten sei, nachdem seine Behörde 2005 den verheerenden Hurrikan «Katrina» in New Orleans nicht vorausgesagt hatte.

Der Verteidiger Alfredo Biondi, der den Experten Claudio Eva vertrat, wies den Vergleich jedoch zurück. «Fluten und Hurrikane können vorausgesagt werden, Erdbeben nicht.» Die Verteidigung forderte den Freispruch aller Angeklagten. Zum Prozessauftakt hatten bereits mehr als 5000 Wissenschaftler in einem offenen Brief beklagt, dass den Angeklagten ein Strafprozess gemacht werde, obwohl die Vorhersage von Erdbeben bislang technisch unmöglich sei. Alle Verurteilten bleiben zunächst auf freiem Fuss und können gegen Berufung einlegen.

AFP/ses

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