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Am meisten leiden die Kranken

Viele Palästinenser spüren jeden Tag, wie schlecht es um die Beziehungen zu Israel steht.

Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv
Die 14-jährige Enas Huosin Mereb muss zur Dialyse ins Spital und hat jeden Tag einen Weg von vier Stunden. Foto: SZ
Die 14-jährige Enas Huosin Mereb muss zur Dialyse ins Spital und hat jeden Tag einen Weg von vier Stunden. Foto: SZ

Wer Samiha Abu Qumsam ansieht, schreckt zunächst unwillkürlich zurück. Ein Tumor breitet sich über die ganze rechte Hälfte ihres Gesichts aus. Die Palästinenserin liegt im Rentisi-Spital in Gaza-Stadt. Die Ärzte wollten sie so rasch wie möglich verlegen, ins Auguste-Viktoria-Spital in Ostjerusalem. Es ist das einzige Krankenhaus für etwa fünf Millionen Palästinenser aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland, in dem Krebspatienten eine Strahlen- oder eine aufwendige Chemotherapie bekommen können. Nur hier gibt es eine Dialysestation für Kinder.

Doch das Spital leidet unter der angespannten Beziehung zwischen der israelischen Regierung in Jerusalem und der Palästinensischen Autonomiebehörde in Ramallah. Es sind immer die gleichen Figuren, die aufeinanderprallen: der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas, der seit Jahren Wahlen verweigert. Und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der mit der Begründung, er schaffe so Sicherheit, den Bewegungsspielraum der Palästinenser einschränkt.

Administrativer Hürdenlauf

Für die Patienten sind die Folgen schnell lebensbedrohlich. Um zur Behandlung hierherzukommen, müssen sie aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen einen administrativen Hindernislauf absolvieren. Nach der Überweisung durch die Ärzte brauchen sie eine Bestätigung des palästinensischen Gesundheitsministerium. Dieses muss sich zur Kostenübernahme bereit erklären und das Krankenhaus zuweisen. Das wiederum prüft, wann es einen Platz zur Behandlung frei hat. Ist das alles geschafft, müssen die israelischen Behörden genau für dieses Datum eine Reisegenehmigung erteilen.

Samiha Abu Qumsam wurde die Reise trotz der wuchernden Geschwulst im Gesicht von israelischen Behörden zweimal verweigert. Eine Begründung für Ablehnungen gibt es generell nicht. Allgemein heisst es nur: Sicherheitsbedenken. Das kann etwa ein Vorfall sein, in den ein entfernter Verwandter verwickelt war. Es können aber auch aktuelle Ereignisse sein.

Ein Krankenhaus für fünf Millionen Menschen: Das Auguste-Viktoria-Spital in Ostjerusalem. Foto: AFP
Ein Krankenhaus für fünf Millionen Menschen: Das Auguste-Viktoria-Spital in Ostjerusalem. Foto: AFP

Im Oktober schliesslich, ein halbes Jahr nach der Krebsdiagnose, durfte sie den abgeriegelten Gazastreifen für ihre Behandlung im Auguste-Viktoria-Krankenhaus verlassen. Mitte November sollte dann die neue Runde ihrer Chemotherapie stattfinden. Aber zu diesem Zeitpunkt gab es auch eine neue Runde im Nahostkonflikt. Das israelische Militär tötete einen Anführer des Islamischen Jihad im Gazastreifen. Die Organisation feuerte daraufhin mehr als 400 Raketen auf Israel, die israelische Armee antwortete mit Bomben.

Erst am 8. Dezember schliesslich konnte sie wieder ins Auguste-Viktoria-Krankenhaus eingeliefert werden. Der Tumor ist sichtbar weitergewachsen. Sie erhalte Morphium gegen die Schmerzen, sagt Krankenschwester Khitam Allawi.

Ignorierte Rechnungen

Das Spital hat enorme Schwierigkeiten, überhaupt die Versorgung aufrechtzuerhalten. So war zwischen Samiha Abu Qumsams erster und zweiter Behandlung der Weiterbetrieb akut gefährdet. Die Palästinensische Autonomiebehörde hatte einfach keine Rechnungen mehr bezahlt – 18 Monate lang.

Im Oktober gab es Ausstände von umgerechnet 54 Millionen Franken. Von Mai an habe er die Autonomiebehörde täglich mit Anrufen traktiert, sagt der Geschäftsführer des Krankenhauses, der Palästinenser Walid Nammour. «Ich habe sie angefleht, weil ich mein Krankenhaus nicht kollabieren lassen wollte. Aber es war, wie wenn ich mit Honolulu kommuniziert hätte: Es hat sie nicht gekümmert.» Das Krankenhaus sah sich gezwungen, auf günstigere Medikamente umzusteigen. «Ab einem bestimmten Tag hatten wir keine Medikamente mehr», sagt Nammour.

«Wohin sollen denn die Patienten, wenn wir schliessen müssen?»

Walid Nammour, Auguste-Viktoria-Spital

Als ein Bekannter einer Journalistin nicht mehr behandelt werden konnte, wurde ein Fernsehbericht ausgestrahlt, der sich rasant verbreitete. Endlich reagierte die Autonomiebehörde in Ramallah und zahlte umgerechnet 12 Millionen Franken. Das Finanzministerium sicherte zu, jeden Monat 5 Millionen Franken zu überweisen.

An sechs Tagen pro Woche kommt auch Enas Huosin Mereb hierher, sie ist 14 Jahre alt. Um neun Uhr muss sie zu Hause in Halhul bei Hebron aufbrechen, um Zeit genug zu haben für die Kontrollen am Checkpoint zwischen dem Westjordanland und Jerusalem. Um elf Uhr muss sie auf der Dialysestation sein. Nach drei Stunden Blutwäsche braucht sie wieder zwei Stunden für den Rückweg.

Das schmächtige Mädchen kann seit zwei Jahren nur an dem einen Tag, an dem sie nicht zur Dialyse muss, am regulären Schulunterricht teilnehmen. So lernt sie allein – und ist in einigen Fächern Klassenbeste. Sie kann sich mühelos auf Englisch unterhalten. Ihr Ziel: Sie will Ärztin werden – wie die Menschen, die ihr helfen.

Auch die Angestellten zittern

Ihre Ärztin Khadra Salami sagt, dass das Mädchen nicht nur eine neue Niere brauche, sondern auch eine Lebertransplantation. «Ihre Mutter ist bereit, eine Niere und einen Teil der Leber zu spenden. Aber wir können die komplizierte Operation nicht vornehmen. Sie wartet jetzt auf eine Nachricht der Palästinensischen Autonomiebehörde, ob sie irgendwo auf der Welt den Eingriff vornehmen.» Meistens begleitet die Mutter das Mädchen ins Krankenhaus, manchmal der Vater oder der Opa. Sie alle brauchen dafür die Genehmigung der israelischen Behörden. Und die muss im Regelfall alle drei Monate erneuert werden.

Auch die Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen für die 450 Beschäftigten des Hauses müssen regelmässig erneuert werden, jeweils im Februar und im August. «Mein Herz schlägt heftig, wenn diese Frist kommt. Dann warten wir. Wie viele kriegen es diesmal nicht? Manchmal sind es drei, vier, manchmal auch zehn», sagt Maha Yasmineh Tarayrah, die Leiterin des Pflegepersonals. «Es ist unmöglich, Ersatz für unsere spezialisierten Kräfte zu bekommen.»

Im Auguste-Viktoria-Krankenhaus sind auch im Dezember die finanziellen Probleme nicht wirklich geringer geworden. Im November zahlte die Palästinensische Autonomiebehörde nicht, wie einen Monat zuvor zugesagt, die Rate in voller Höhe.

Israel habe indirekt angeboten einzuspringen, aber das dürfe man aus politischen Gründen nicht annehmen, sagt der Geschäftsführer Nammour. Er will weiterkämpfen. «Wohin sollen denn die palästinensischen Krebspatienten oder die Kinder, die Dialyse brauchen, gehen, wenn wir schliessen müssen?»

Samiha Abu Qumsams Mutter ist dankbar für die Behandlungsmöglichkeit im Auguste-Viktoria-Krankenhaus. «Im ­Gazastreifen», sagt sie, «gibt es nicht einmal Schmerzmittel.»

Nach seinem Sieg bei der parteiinternen Wahl zum Vorsitzenden des Likud setzte Benjamin Ne­tan­yahu am Freitag nahtlos seinen Wahlkampf fort. Am 2. März 2020 findet die nächste Parlamentswahl in Israel statt. Dass er die dritte Wahl binnen eines Jahres gewinnen wird, daran liess Netanyahu keinen Zweifel: «So Gott will, werde ich Likud bei den kommenden Wahlen zu einem grossen Sieg führen.»

Bei der Wahl im September war der Likud hinter dem blau-weissen Parteienbündnis gelandet. Dessen Chef Benny Gantz war genauso an der Regierungsbildung gescheitert wie zuvor zweimal Netanyahu. Der 70-Jährige hat es auf insgesamt 13 Jahre im Premierministeramt gebracht. Ob er nun nach den im November erhobenen drei Anklagen wegen Korruption überhaupt noch eine Regierung bilden darf, damit beschäftigt sich das oberste Gericht in einer ­Anhörung am 31. Dezember.

Die Grenzen «fixieren»

Die Likud-Mitglieder haben ihn mit deutlicher Mehrheit erneut zum Parteichef und Spitzenkandidaten gekürt. Netanyahu hat mit 72,5 Prozent der Stimmen einen klaren Vorsprung vor seinem Herausforderer Gideon Saar erreicht. Netanyahu kündigte ein Programm an, darunter die Umsetzung der Annexionspläne im besetzten Westjordanland. «Ich erkläre hier: In den kommenden Jahren werde ich dem Staate Israel mehr historische Errungenschaften bescheren, als wir je geträumt haben.»

Dann zählte er auf: «Erstens werden wir unsere Grenzen ­fixieren. Zweitens werden wir eine US-Anerkennung unserer Souveränität im Jordantal und im Norden des Toten Meers erreichen. Drittens eine US-Anerkennung aller Siedlungen in Judäa und Samaria erzielen.» Netanyahu benutzte nicht den Begriff Westjordanland, sondern die biblischen Bezeichnungen Judäa und Samaria. Er bezog sich lediglich auf die US-Anerkennung einer weiteren Annexion – wohl wissend, dass die internationale Staatengemeinschaft diesen Schritt ablehnt und am Ziel einer Zweistaatenlösung festhält, also neben Israel einen Staat für die Palästinenser auf dem Gebiet des Westjordanlands und des Gazastreifens zu schaffen.

US-Präsident Donald Trump hatte einem Wunsch Netanyahus entsprechend kurz vor der ersten Parlamentswahl in Israel im März die Anerkennung der israelischen Annexion der Golanhöhen angekündigt. Israel hatte die Golanhöhen 1967 von Syrien erobert und 1981 annektiert, was von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannt wurde. Im November hatte US-Aussenminister Mike Pompeo erklärt, der Siedlungsbau im Westjordanland verstosse per se nicht gegen Völkerrecht. Das war eine Kehrtwende. Daraufhin gab Israel Pläne für den Bau eines neuen jüdischen Viertels in Hebron bekannt. Dort leben rund 800 Siedler in der von rund 200'000 Palästinensern bewohnten Stadt.

Mit Gantz als Regierungschef ist aber ebenfalls keine rasche Umsetzung einer Zweistaaten­lösung zu erwarten. Auch er will die Golanhöhen und das Jordantal nicht aufgeben. Im Gazastreifen hat Gantz sogar ein härteres Durchgreifen angekündigt.

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