Aufstand oben ohne

Eine iranische Journalistin ruft auf Facebook Frauen dazu auf, ihr Fotos ohne Kopftuch zu schicken – eine Provokation im streng muslimischen Land. Die Aktion ist ein Riesenerfolg.

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Als Kind sah sie, wie ihre grossen Brüder Fahrrad fuhren. Wie sie im Meer badeten. «Sie hatten alle diese Rechte und ich nicht», erinnert sich Masih Alinejad auf «Spiegel online». Ungerecht fand sie das. Als ihre grossen Brüder ihr das Radfahren beibrachten, war das Entsetzen gross im Dorf, einem kleinen Nest beim Kaspischen Meer. Daraus habe sie gelernt, sagt Alinejad. Seitdem kämpfe sie für ihre Rechte.

Und nicht nur für ihre: Die 37-jährige Journalistin, aufgewachsen in einer traditionsbewussten iranischen Familie, war auf Facebook dazu aufgefordert worden, keine Fotos von sich selber ohne Kopftuch zu veröffentlichen – aus Rücksicht auf die Frauen im Iran, die auf diese Freiheit verzichten müssen. Jetzt erst recht, fand Masih Alinejad. Sie postete ein Foto von sich, ohne Kopftuch, lachend am Steuer eines Autos, aufgenommen 2009 in Nordiran. Sie sei sich sicher, erzählt sie, viele Frauen besässen ebenfalls solche Zeugen heimlicher Freiheit. Sie bat die Frauen, ihr Fotos von diesen Momenten zu schicken.

Frauen riskieren Peitschenhiebe

Was auf diesen Aufruf folgte, hatte Masih Alinejad kaum erwartet. Rund 50 Fotos erreichten sie täglich, wenige Tage später richtete sie eine eigene Facebook-Seite ein (Heimliche Freiheit iranischer Frauen), die nach einer Woche schon über 140'000 Likes hatte. Unzählige Frauen posteten Fotos von sich, tanzend, nachdenklich, fröhlich, am Strand, in den Bergen – und immer ohne Kopftuch. Viele von ihnen haben es um den Hals geschlungen oder lassen es im Wind flattern. Einige posten Kommentare dazu: «Ich lege das Kopftuch ab, wann immer ich kann, weil es nicht meine Entscheidung war, es zu tragen», schreibt eine Frau.

Die Frauen riskieren mit ihren Selbstporträts einiges: Wer sich im Iran in der Öffentlichkeit unverschleiert zeigt, kann mit bis zu 70 Peitschenhieben oder 60 Tagen Gefängnis bestraft werden. Masih Alinejad selber trägt kein Kopftuch mehr, seit sie 2009 nach Grossbritannien gezogen ist. Damals musste sie den Iran verlassen, weil sie sich unbeliebt gemacht hatte, als sie einen Korruptionsskandal aufgedeckt hatte. Heute arbeitet sie für eine satirische Nachrichtenshow.

Sie sei nicht gegen das Kopftuch, sagt Alinejad gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian» – ihre Mutter und ihre Schwester tragen eines –, aber jede Frau solle selber entscheiden dürfen.

thu

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