Breite Kluft zwischen Rhetorik und Handeln

Nahostkorrespondent Michael Wrase zum sechsten Jahrestag des Aufstands in Syrien.

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Ein Grund zum Feiern war der sechste Jahrestag des Aufstands gegen das Assad-Regime in Syrien nicht. Die Bürgerkriegsparteien taten es trotzdem: Überschwänglich pries der Al-Qaida-Ableger Nusra-Front zwei Selbstmordattentate auf ein Restaurant und den Justizpalast in Damaskus als «heldenhafte Akte des Widerstandes».

Bei den Anschlägen waren am Mittwoch fast 40 Zivilisten ums Leben gekommen. Am gleichen Tag filmten sich syrische Soldaten mit ihren Handykameras vor zerbombten Häuserblocks in Aleppo. Dabei verhöhnten sie die syrische Revolution, welche sich nach Interventionen der Regionalmächte zu einem Stellvertreterkrieg mit internationaler Beteiligung ausgeweitet hat.

Tatsächlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass sich sechs Jahre nach Beginn des Volksaufstandes amerikanische und russische Soldaten in der nordsyrischen Stadt Manbij offenbar «auf Sichtweite» nahe gekommen sind. Die Truppen der Supermächte hatten eine Art Pufferzone zwischen den syrisch-kurdischen «Volksverteidigungsmilizen» und türkischen Truppen geschaffen.

Direkte Gespräche zwischen Amerikanern und Russen fänden «trotz Sichtweite» freilich nicht statt, berichten lokale Aktivisten. Die Kommunikation erfolgt über ein Lagezentrum in Bagdad, das auch die Luftangriffe der Supermächte gegen den IS in Syrien koordiniert.

Die mangelnde Bereitschaft zur direkten Kooperation beim Kampf gegen einen gemeinsamen Feind ist bezeichnend für einen Konflikt, bei dem aufseiten des Westens der «politische Wille» zur Lösung nicht erkennbar sei, heisst es in einer Studie der Londoner Denkfabrik Chatham House.

Seit dem Beginn des Konflikts sei die westliche Syrien-Politik «durch eine gewaltige Kluft zwischen Rhetorik und wirklichem Handeln sowie dem Fehlen jeglicher politischer Visionen unterhöhlt worden». Das Versagen des Westens im Bürgerkriegsland habe zur Stärkung extremistischer Gruppierungen geführt, welche mit militärischen Mitteln allein nicht mehr besiegt werden könnten.

Ohne eine politische Lösung des Konfliktes werde der Kampf gegen den Terrorismus scheitern, glauben die Autoren der Chatham-House-Analyse. Sie bezeichnen zudem wirtschaftlichen Druck als «förderlich». Ob dieser die Nachkriegsordnung tatsächlich «entscheiden» kann, bleibt abzuwarten.

Viel vernünftiger wäre es, wenn die Regional- und Supermächte allen Bürgerkriegsparteien die Mittel entziehen und deren Refinanzierung mit politischen Zugeständnissen verknüpfen würde. Die Bereitschaft dazu ist trotz Annäherung zwischen Russland und der Türkei und der Ernüchterung in den arabischen Golfstaaten nach der Rebellenniederlage in Aleppo nicht erkennbar.

Auch Washington hält sich alle Optionen offen. Neu ist nur, dass neben dem IS auch die Nusra-Front und lokale Verbündete auf der Abschussliste der Amerikaner stehen. Am Donnerstag bombardierten sie eine Moschee der Terrororganisation bei Aleppo. Die 50 Opfer sollen Zivilisten gewesen sein, was die USA bestreiten. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.03.2017, 09:37 Uhr

Michael Wrase, Nahostkorrespondent.
Mail: ausland@bernerzeitung.ch. (Bild: zvg)

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