Den Absturz verhindern

In Syrien zeigt sich die Entfremdung zwischen den USA und der Türkei. Eine stabile Nachkriegsordnung ist nicht absehbar.

Paul-Anton Krüger@pkr77

Ein amerikanischer General hat die Strategie seines Landes in Syrien einmal mit den Worten beschrieben, man fliege ein Flugzeug, an dem man noch baue. Das war noch unter Präsident Barack Obama, der die Kurden in Syrien als Bodentruppen für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) rekrutierte, nachdem er erst rote Linien gezogen und dann doch nichts unternommen hatte, als Präsident Bashar al-Assad Chemiewaffen gegen sein Volk einsetzte.

Unter Donald Trump ist es noch schlimmer. Der Präsident montiert, um im Bilde zu bleiben, im Flug die Triebwerke wieder ab, die ohnehin nur noch mit Mühe die amerikanischen Bemühungen in der Luft halten konnten. Mit einem Tweet, rein innenpolitisch motiviert, verkündete er den Abzug aller US-Truppen aus Syrien, und zwar sofort. Der grössere Teil der einst etwa 2000 dort stationierten amerikanischen Soldaten ist immer noch dort, aber Trumps Leute sind seither nur noch mit Schadensbegrenzung beschäftigt.

IS-Jihadisten sollen Strukturen wieder festigen

Kaum jemand im Pentagon oder im Aussenministerium, der anders als Trump die Region ein bisschen versteht, kann sich vorstellen, dass eine von der Türkei kontrollierte Sicherheitszone im Norden Syriens stabil sein würde. Wie solide die gerade erzielte angebliche Einigung darauf ist, lässt sich an der wortgleichen Erklärung beider Seiten ablesen: drei Sätze, keine Details zum Zeitrahmen oder zu der geografischen Begrenzung einer solchen Zone, also zu den zentralen Streitpunkten.

Die Amerikaner wollen die Kurden, die Tausende Kämpfer in den Schlachten gegen den IS verloren haben, nicht ohne Schutz der Türkei oder dem Assad-Regime ausliefern. Die Folge wäre absehbar der nächste Krieg in Syrien und unmittelbar auch ein Wiedererstarken der Jihadisten des IS, die in Syrien und im Irak noch immer über 14'000 bis 18'000 Kämpfer verfügen sollen, unter ihnen rund 3000 Ausländer.

Nach der Einschätzung des Pentagons sind diese ohnehin schon dabei, ihre Strukturen zu festigen und sich im Untergrund einzurichten, bis sich ihnen die nächste Möglichkeit bietet. Ein Waffengang zwischen der Türkei und den syrischen Kurden wäre eine solche. Das Szenario kennen die Amerikaner aus dem Irak. Dort hatten sie al-Qaida militärisch 2008 weitgehend besiegt. In den Wüsten von Anbar versteckten sich die Jihadisten, nur um später umso brutaler als IS zurückzukehren.

Der Konflikt schwelt weiter

Washington und Ankara haben sich entfremdet über die Kurden-Frage. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, dem sowohl Trump als auch Russlands Präsident Wladimir Putin seine Verwundbarkeit mit Sanktionen schon eindrücklich vor Augen geführt haben, spielt mit hohem Einsatz. Er hat in Russland bei Putin Luftabwehrsysteme gekauft, massgeblich, um dem Nato-Alliierten USA seine Eigenständigkeit zu demonstrieren und aufzuzeigen, dass Ankara auch andere Optionen hat – im Osten.

Der Konflikt schwelt weiter, Erdogan spielt auf Zeit und hat angekündigt, die Raketen bis April nicht zu aktivieren. Bis dahin, so hofft er, werde Trump das Problem entschärfen – auf seine Linie einschwenken und auch die Sicherheitszone durchwinken. Doch wie viel Verlass auf dessen Zusagen ist, bekommen die syrischen Kurden gerade zu spüren.

Es ist gut denkbar, dass es anders kommt, denn den geopolitischen und sicherheitspolitischen Interessen der USA liefe es zuwider, die Kurden in Syrien fallen zu lassen. Sie kontrollieren noch immer ein Drittel des Landes – das lässt sich in politische Mitsprache ummünzen, wenn es um die Nachkriegsordnung in Syrien geht.

«Im Norden lauern syrische Truppen, russische Söldner, iranisch kontrollierte Milizen – eine Liste der Gegner Amerikas.»

In ihrem Gebiet liegen wichtige Öl­felder, die zwar im Massstab des Weltmarkts unbedeutend sind, aber für das Assad-Regime grossen Wert hätten, das Treibstoff auch wegen der Sanktionen westlicher Staaten rationieren muss. Und sie sind unverzichtbar, um den militärischen Druck auf die Überreste des IS aufrechtzuerhalten.

Neben der Türkei an der Grenze im Norden lauern auch die Truppen des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, russische Söldner und iranisch kontrollierte Milizen samt ihren von den Revolutionsgarden gestellten Kommandeuren am Euphrat darauf, die kurdisch kontrollierten Gebiete zurückzuerobern. Das liest sich wie eine Liste der Gegner Amerikas. Den Abzug der Iraner aus Syrien fordert etwa Aussenminister Mike Pompeo immer wieder.

Eine Strategie für Syrien hat Trump weiterhin nicht, und einfache Lösungen, wie sie der Präsident liebt, gibt es nicht. Einiges spricht dafür, dass die Amerikaner noch eine Weile in Syrien bleiben, auch wenn einstweilen Trumps Leute nur noch damit beschäftigt sind, einen Absturz zu verhindern.

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