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Der Funke springt über

In Tunesien treibt ein wütendes Volk den ungeliebten Präsidenten in die Flucht. Nun schwappt die Protestwelle auf andere autoritäre Regimes über. Ein langjähriger Präsident muss sich besonders warm anziehen.

Demonstranten drohen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa mit ihren Dolchen. (16. Februar 2011)
Demonstranten drohen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa mit ihren Dolchen. (16. Februar 2011)
Keystone
Im Universitätsviertel von Sanaa prostestieren Studenten gegen den Präsidenten.
Im Universitätsviertel von Sanaa prostestieren Studenten gegen den Präsidenten.
Keystone
Wollen mit einem «demokratischen Wechsel» einen neuen Jemen aufbauen: Studenten beim Protest am 16. Januar.
Wollen mit einem «demokratischen Wechsel» einen neuen Jemen aufbauen: Studenten beim Protest am 16. Januar.
AFP
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In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa haben rund tausend Studenten zum Sturz der Regierung nach dem Vorbild von Tunesien aufgerufen. «Freies Tunis, Sanaa grüsst dich tausend Mal», rief die Menge, der sich am Sonntag auch Menschenrechtsaktivisten angeschlossen hatten.

Die Demonstranten zogen laut Reportern vom Campus zur tunesischen Botschaft in Sanaa. Die Studenten riefen auch andere arabische Völker zur «Revolution gegen ihre lügenden und verängstigten Anführer» auf.

«Geht bevor ihr abgesetzt werden»

«Geht, bevor Ihr abgesetzt werdet», stand auf einem der Plakate der Protestierenden, die sich damit an die jemenitische Regierung wandten. «Unser Ziel für einen neuen Jemen ist der friedliche und demokratische Wandel», sagte ein Demonstrant.

Jemens Präsident Ali Abdallah Saleh steht seit 32 Jahren an der Spitze des Landes. Derzeit wird im Parlament über eine Verfassungsänderung diskutiert, die ihm den Weg für eine Präsidentschaft auf Lebenszeit ebnen könnte. Die Opposition lehnt dies ab.

Nach wochenlangen Protesten in Tunesien und der Flucht des Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali nach Saudiarabien wird im Nahen Osten nun über die Konsequenzen für die Region diskutiert. In Fachkreisen und im Internet wurde erörtert, ob die Protestwelle aus Tunesien auf andere autoritäre Regime wie beispielsweise Ägypten überschwappen könnte.

Die Leute sind ermutigt

Unstrittig ist, dass der Erfolg des tunesischen Aufstands die Menschen möglicherweise ermutigt, ihrerseits gegen die Autokraten und Monarchen der Region zu protestieren. In Kairo gingen Demonstranten bereits gegen den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak auf die Strasse, und in Jordanien skandierten Gewerkschafter: «Tunesien hat uns eine Lehre erteilt.»

Auf dem Nachrichtenkanal Twitter, der sozialen Plattform Facebook und in zahlreichen Blogs wurde den Tunesiern am Wochenende zum Sturz des Regimes gratuliert. Zahlreiche Internet-Nutzer ersetzten ihre Profil-Bilder als Zeichen der Solidarität mit der tunesischen Nationalflagge.

Experten erwarten keine politische Kettenreaktion

Experten gehen jedoch nicht von einer politischen Kettenreaktion wie nach dem Ende des Kalten Krieges in Osteuropa aus. In Staaten wie Ägypten und Iran zementieren die autoritären Herrscher ihre Macht mithilfe der Sicherheitskräfte, die bislang keine Anstalten machen, sich auf die Seite der Opposition zu stellen. In den Golfstaaten Kuwait und Bahrain mit ihren gut organisierten Oppositionsbewegungen geniessen die Staatsbürger hingegen so weitreichende soziale Wohltaten, dass wohl nur wenige einen Aufstand riskieren würden.

«Man muss nur in den Iran schauen, um die Schwierigkeiten für all jene zu sehen, die glauben, sie könnten einfach auf die Strasse gehen und so einen Wechsel auslösen», sagt der Direktor des Zentrums für Strategische Studien in Kuwait, Sami Alfaradsch. Andererseits sollte man die Wirkung des tunesischen Aufstands aber auch nicht unterschätzen, glaubt Alfaradsch.

Alles ist möglich

«Es setzt sich im Bewusstsein fest, dass es möglich ist. (Die Bürger) glauben, dass es auch in ihren Ländern passieren kann», sagt Alfaradsch. «Die Führer können das nicht einfach abtun.»

Doch nach Einschätzung des Analysten Muin Rabbani unterscheidet sich der Aufstand in Tunesien von der üblichen Protestkultur in der Region. Während in Ägypten die islamistische Muslimbruderschaft und im Libanon die Schiitenmiliz Hizbollah die stärksten Oppositionskräfte sind, formierte sich der Widerstand in Tunesien spontan auf der Strasse. «Die Faktoren, die zu dem Aufstand in Tunesien geführt haben, existieren in der ganzen Region», sagt Rabbani. «Ich glaube aber nicht, weil Ben Ali gestürzt wurde, folgen nun weitere».

dapd/mrs

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