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Der tägliche Krieg um den Olivenbaum

Im Westjordanland liefern sich Palästinenser und jüdische Siedler einen Wettkampf im Pflanzen von Olivenhainen – in der Hoffnung der anderen Seite, Baumreihe um Baumreihe Land abzunehmen.

Im Westjordanland hat die Oliven-Ernte begonnen – und mit ihr ein alljährlicher Kampf zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern. Hier eine Palästinenserin in einem Olivenhain in der Nähe der jüdischen Siedlung Elone Moreh.
Im Westjordanland hat die Oliven-Ernte begonnen – und mit ihr ein alljährlicher Kampf zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern. Hier eine Palästinenserin in einem Olivenhain in der Nähe der jüdischen Siedlung Elone Moreh.
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Der Olivenbaum, hier die Ernte in der Nähe der jüdischen Siedlung Eli, gilt als Heimatsymbol der Palästinenser.
Der Olivenbaum, hier die Ernte in der Nähe der jüdischen Siedlung Eli, gilt als Heimatsymbol der Palästinenser.
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Seit einigen Jahren pflanzen auch die Siedler eigene Olivenbäume – in der Hoffnung, für ihre Dörfer mehr Land gewinnen zu können.
Seit einigen Jahren pflanzen auch die Siedler eigene Olivenbäume – in der Hoffnung, für ihre Dörfer mehr Land gewinnen zu können.
Keystone
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Ölbaum um Ölbaum graben sich palästinensische Bauern wie jüdische Siedler auf dem steinigen Gelände des Westjordanlands ein. Jeder knorrige Stamm verfestigt ihren Anspruch auf das Land. Jetzt, zur Erntezeit, gehr es hart zur Sache. Olivenhaine werden geplündert, abgeholzt, niedergebrannt.

Dieses Jahr geht es um mehr denn je: Die Palästinenser haben doppelt so viel Bäume gepflanzt wie in früheren Jahren und die Siedler im Gegenzug ihre eigene Produktion gesteigert. Der Ölbaum ist für die Palästinenser schon lange ein Symbol ihrer Verbundenheit mit dem Heimatland, dessen Nimbus durch die alljährlichen Störmanöver der Siedler noch verstärkt wird. Auch praktisch gesehen stärkt jeder Baum den Anspruch auf das Land, denn häufig hängt das Besitzrecht davon ab, wer es bewirtschaftet.

Wenn nicht wir, dann die

«Wir pflanzen, damit sie nicht kommen und es sich schnappen», sagt der palästinensische Bauer Ghassan Seif auf seinem Grundstück beim Ort Burka im Westjordanland über die Hardliner in der nahen jüdischen Siedlung. Es ist Oktober, Erntezeit, seine Grossfamilie ist gerade beim Pflücken der Oliven. Die Frauen machen Teepause unter einem Baum, Kinder rennen umher.

Gerade 16 Kilometer weiter steht der Israeli Erez Ben-Saadon in seinem Olivenhain zwischen den zarten Setzlingen und argumentiert genauso wie sein palästinensischer Nachbar. «Bevor Araber sich die Ländereien nehmen, bauen wir hier an», sagt er. Der 36-Jährige bewirtschaftet im Auftrag jüdischer Siedler das brachliegende Land im Umkreis ihrer Ansiedlungen.

Der Olivenkrieg ist Teil des Gezerres um das israelisch besetzte Westjordanland; keine Seite wartet untätig ab, bis irgendwann einmal eine Lösung ausgehandelt ist. Die israelischen Militärbehörden können landwirtschaftliche Nutzflächen beschlagnahmen, wenn sie drei bis zehn Jahre brach gelegen haben. So beanspruchten sie nach Angaben der Friedensgruppe Peace Now seit den 80er Jahren rund 97.000 Hektar und gaben sie zumeist zum Bau jüdischer Siedlungen weiter.

Pflegeleicht und nützlich

Auch deshalb pflanzen die Palästinenser immer mehr. In den letzten drei Jahren kamen jeweils rund 200.000 Olivensetzlinge in die Erde, doppelt so viel wie in den Vorjahren, wie Agrarexperte Nabil Saleh berichtet. Zudem subventioniere die Autonomiebehörde Setzlinge, um die Neupflanzung auf 300.000 Stück jährlich zu steigern. Sie konzentrierten sich darauf, ihre brachliegenden Flächen vor allem in der besonders umkämpften Umgebung jüdischer Siedlungen zu bepflanzen, erklärt der palästinensische Unterhändler Nabil Schaath. «Das ist das Land, das die Siedler beherrschen wollen, besetzen wollen», sagt er beim Olivenpflücken in der Nähe der Siedlung Psagot.

Nicht nur aus sentimentalen Gründen bauen die Palästinenser bevorzugt Oliven an. Sie sind anspruchslos und pflegeleicht, so dass die Bauern sich nicht lange auf dem Feld aufhalten müssen und möglicherweise angegriffen werden. Zur Bewässerung reicht der Winterregen, ein Segen in der knochentrockenen Region. Olivenöl bringt in der Gegend umgerechnet fünf Euro pro Liter und ist damit eine wichtige Einnahmequelle. Für die rund 70.000 meist armen Bauernfamilien, die die schätzungsweise zehn Millionen palästinensischen Ölbäume bewirtschaften, ist es ausserdem ein Grundnahrungsmittel.

Jüdische Siedler bewirtschaften nach Angaben des Rechtsberaters Jehuda Schimon rund 100.000 Ölbäume. Dieses Jahr pflanzten sie 20.000 Setzlinge neu, voriges Jahr waren es ein paar Tausend. Die frommen Siedler berufen sich auf den biblischen Auftrag, das Land zu bebauen. «Wir haben das Gefühl, dass wir immer und ewig hier sein werden», sagt Ben-Saadon.

Die Palästinenser werfen ihnen Vandalismus und Brandstiftung vor. Menschenrechtsgruppen dokumentierten über 40 Angriffe auf palästinensische Olivenhaine in dieser Erntezeit. Erst am Wochenende wurden nahe der jüdischen Siedlung Eli, nicht weit von Ben-Saadons Flächen entfernt, 20 Bäume gefällt. Das ist nicht viel angesichts der Gesamtmenge. Doch die Überfälle ereignen sich in der Regel im Umkreis der Siedlungen, um die Palästinenser davor abzuschrecken, sich dort breitzumachen.

«Unsere Besitzurkunde ist die Bibel»

Familie Suleiman aus dem Dorf Farata hat dieses Jahr die ganze Ernte von ihren Bäumen in der Nähe der Siedlung Havat Gilat verloren, einer von Hardlinern bewohnten Ansammlung bunt bemalter Wohnanhänger. Rund 600 ihrer Bäume, die der Siedlung am nächsten standen, seien abgeräumt worden, bevor sie sie hätten ernten können, sagt Madschdi Suliman. Die restlichen 50 seien kurz danach einem Brand zum Opfer gefallen, der 1.500 Ölbäume des Dorfes zerstörte.

Früher ernten gehen konnten sie nicht, weil sie auf israelische Soldaten als Eskorte warteten. Das Militär begleitet Palästinenser auf gefährdete Flächen, um Angriffe von Siedlern abzuwenden. Pro-palästinensische Gruppen kritisieren allerdings, dass das Militär die Zerstörung von Eigentum während der Ernte nicht verhindert. Führende Vertreter der Siedler verurteilen den Vandalismus, für den eine kleine Minderheit spontan handelnder Jugendlicher verantwortlich sei. Auch Siedler haben Verluste: Ben-Saadon sagt, Palästinenser hätten 50 seiner Bäume geplündert.

Suliman will nach dem Winterregen neu pflanzen. «Wir verdienen damit kein Geld. Wir beweisen was: Das ist unser Land», erklärt er. Ben-Saadon betont, das von ihm bewirtschaftete Land sei den Siedlern vom israelischen Militär gegeben worden. Eine Besitzurkunde hat er nicht - und braucht er auch nicht, meint er: «Unsere Besitzurkunde ist die Bibel.»

(Diaa Hadid und Daniel Estrin sind Korrespondenten der AP)

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dapd/v/rl/ah

dapd/oku

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