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Die Deserteure leben in einem Geheimlager

Unter strenger Bewachung halten sich über tausend ehemalige syrische Polizisten und Soldaten in Jordanien auf. Das Lager ist sinnbildlich für die Rolle des Königreichs im Syrienkonflikt.

Bereits 160'000 syrische Flüchtlinge leben in Jordanien: Syrer demonstrieren vor der Botschaft in Amman. (19. August 2012)
Bereits 160'000 syrische Flüchtlinge leben in Jordanien: Syrer demonstrieren vor der Botschaft in Amman. (19. August 2012)
Keystone

Isoliert leben rund 1200 Polizisten und Soldaten, die aus Syrien geflohen sind, in einem geheimen Lager in der jordanischen Wüste. Die Deserteure wohnen in Anhängern, umgeben von Stacheldraht.

Sie verbringen die Tage mit Internet und Fernsehen und verfolgen so alle Neuigkeiten im syrischen Bürgerkrieg. Gerne würden sie selbst eingreifen, aber sie dürfen das von den jordanischen Streitkräften organisierte Lager nahe der Grenzstadt Mafrak nicht verlassen.

Früher trainierten die USA dort Truppen für den Krieg im Irak. Jetzt werden die Deserteure von Agenten verhört. Der Zugang zu ihnen ist aus Sicherheitsgründen stark eingeschränkt. Selbst ihre Familien müssen in einem anderen Camp bei Mafrak leben, können aber Besuchserlaubnisse von der Polizei erhalten.

Die Deserteure dürfen mit den Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) kommunizieren, per Telefon, Internet oder persönlich, heisst es aus jordanischen Sicherheitskreisen.

Assads Arm reicht noch weit

Das Lager ist ein Zeichen für die wachsende Rolle Jordaniens als stiller Unterstützer von Syriens Opposition. Aber gleichzeitig will Jordanien vermeiden, die Spannungen mit dem stärkeren Nachbarn zu verschlimmern – aus Angst davor, dass Präsident Bashar al-Assad doch an der Macht bleibt.

In Jordanien leben jetzt schon mehr als 160'000 syrische Flüchtlinge, und täglich kommen tausende hinzu. Rund 8000 leben in einem neuen Lager nahe der Grenze, die anderen sind über das Land verstreut.

Die Kontrolle über die Flüchtlinge zu behalten, ist eine Sicherheitsfrage für das kleine Königreich. Aus Sicherheitskreisen und von Flüchtlingen ist zu hören, dass sich «Schläfer» aus Assads Regime in Jordanien eingenistet haben, die gefährlich werden könnten.

Zaungast statt Kämpfer

Bisher hat Jordanien alle Gesuche Syriens abgelehnt, die Deserteure auszuliefern. Hunderte Rebellen können sich frei im Land bewegen, und Flüchtlinge erhalten medizinische Hilfe. Es ist unbekannt, ob auch der prominenteste Deserteur, der ehemalige syrische Ministerpräsident Riad Hidschab, in Jordanien Zuflucht gefunden hat.

Die Nachrichtenagentur AP hat keine Erlaubnis erhalten, das Lager der Deserteure zu besuchen. Sie konnte aber zwei Bewohner sprechen. Chaldun aus Homs, ein 47-jähriger Ex-Brigadier der syrischen Streitkräfte, schildert, dass in den Wohnwagen jeweils bis zu sieben Männer leben, Tag und Nacht von bewaffneten jordanischen Soldaten bewacht.

Zum Zuschauen verdammt

Er wollte eigentlich für die Befreiung Syriens kämpfen. Stattdessen sei er nun zum Zuschauen verdammt. «Es fällt schwer, den Krieg in Syrien im Fernsehen und Internet zu verfolgen und nicht teilnehmen zu können», sagte Chaldun, der seinen Familiennamen aus Rücksicht auf seine Angehörigen in Syrien nicht mitteilt.

Ein desertierter Oberst, der sich Rahal nennt, ist sicher, dass die FSA genug Waffen erhalten wird, um Assad zu erledigen. «Die FSA ist wie eine Gruppe Vögel auf dem Baum. Wenn das Regime versucht, einen der Vögel zu erschiessen, fliegt die Gruppe weiter zum nächsten Baum. Das Regime wird sie nie alle erwischen.»

Kaum Geheimnisträger

Die Deserteure kommen aus allen Diensträngen. Doch sie sagen, ihr Zugang zu militärischen Geheimnissen sei beschränkt gewesen, weil sie als Sunniten nicht in den inneren Machtzirkel Assads gelassen wurden, der aus der alawitischen Minderheit besteht. Die meisten von ihnen seien in Gruppen mithilfe der FSA nach Jordanien geschmuggelt worden, erklärte ein Vertreter Jordaniens.

Als «kleine Fische» müsse man die allermeisten der Deserteure betrachten, heisst es aus Sicherheitskreisen. Einige ranghohe Deserteure aus Polizei und Streitkräften sollen an einen anderen, geheimen Platz gebracht worden sein.

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