Die Hölle der Jihad-Rückkehrer

Immer mehr Kämpfer kehren der IS-Miliz desillusioniert den Rücken. Doch im Heimatland erwartet sie bereits der Terror rachsüchtiger ehemaliger Mitstreiter.

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Tausende Rekruten aus der ganzen Welt wollen für die IS-Terrormiliz in den «Heiligen Krieg» ziehen. Vor Ort sind viele desillusioniert von Brutalität, Willkür und kargem Leben. Doch nach dem Ausstieg geht der Albtraum meist weiter. Verstohlen steht der Mann an einer Strassenecke, sein Gesicht verbirgt er unter einer Kapuze. Angespannt beobachtet er die Menschenmenge in der tunesischen Hauptstadt Tunis auf der Suche nach möglichen Extremisten des «Islamischen Staats» (IS). Er war einer von ihnen, bis er Syrien vor einem Jahr verliess. Heute lebt er in ständiger Angst.

Er raucht Kette, während er von willkürlichen Tötungen erzählt, vom Missbrauch weiblicher Rekruten und von den Widrigkeiten eines kargen Alltags. Er erinnert sich an das Messer, das Mitstreiter ihm an die Kehle pressten, während sie ihn zwangen, bestimmte Koranverse zu rezitieren. «Es war ganz anders als das, was sie über den Jihad gesagt hatten», sagt der Mann, der aus Angst nur seinen Vornamen, Ghaith, nennen möchte. Er stellte sich schliesslich syrischen Soldaten. Ghaith gehörte zu den Tausenden Rekruten aus der ganzen Welt, die sich dem IS im Irak oder in Syrien anschlossen.

Sicherheitsrisiko im Heimatland

Einige von ihnen finden sich dort in einem viel spartanischeren und gewaltsameren Alltag wieder, als sie erwartet haben. Die desillusionierten Kämpfer müssen schnell erkennen, dass es viel schwieriger ist, der Terrormiliz den Rücken zu kehren, als sich ihr anzuschliessen. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte tötete der IS allein in den vergangenen sechs Monaten 120 seiner Mitglieder - die meisten von ihnen Ausländer, die auf eine Heimkehr hofften.

Und selbst wenn ihnen die Flucht gelingt, gelten ehemalige Kämpfer in ihren Heimatländern als Terroristen und Sicherheitsrisiko. In Nordafrika und Europa sitzen tausende Rückkehrer im Gefängnis oder stehen unter Beobachtung.

«Nicht jeder, der zurückkehrt, ist ein möglicher Verbrecher», sagt der höchste französische Anti-Terror-Richter Marc Trevidic. «Nicht jeder wird zum Mörder, bei weitem nicht. Aber ein kleiner Teil ist vermutlich zu allem im Stande.» Korrespondenten der Nachrichtenagentur AP sprachen mit mehr als einem Dutzend ehemaligen IS-Kämpfern, deren Familien und Anwälten über das Leben mit den Jihadisten und die Flucht vor ihnen. Viele der Betroffenen wollten aus Angst vor Racheakten anonym bleiben.

Auf Flucht getötet

Einer der Rückkehrer war Jussef Akkari. Der junge Mann verbrachte nach Angaben seines Bruders Mehdi früher Stunden in seinem Zimmer damit, sich religiöse Gesänge anzuhören und zu lesen. Eines Tages erhielt seine Familie die Nachricht, dass Jussef nach Syrien in den Jihad ziehen werde. Dort habe er aber seine Brille verloren und nicht kämpfen können, sagt Mehdi. Deshalb sei der junge Mann damit betraut worden, neue Rekruten auf den Kampf einzuschwören.

Nach sieben Monaten begann Jussef zusammen mit zwei Brüdern, die Flucht zu planen. Die beiden Brüder wurden entdeckt und getötet. Jussef stellte sich kurdischen Kämpfern und schaffte es zurück nach Tunesien. Dort sah er sich gefangen zwischen Drangsalierungen der Polizei und dem Terror rachsüchtiger Ex-Mitstreiter. Jussef kehrte nach Syrien zurück, wo er im Oktober bei einem Luftangriff getötet wurde. Solche Fälle versucht der IS frühzeitig zu vermeiden: Von Anfang bauen die Jihadisten Druck auf Rekruten auf, um diese von einer möglichen späteren Flucht abzuhalten. Zuerst werden ihnen ihre Pässe und Ausweise weggenommen.

Selbstmord oder Kampf

Hamad Abdul-Rahman aus Saudiarabien wurde nach eigenen Angaben im Sommer vergangenen Jahres an der syrischen Grenze von Extremisten in Empfang genommen, die ihn zu einem Ausbildungslager in der Stadt Tabaka eskortierten. «Sie haben mir all meine Dokumente abgenommen und mich gefragt, ob ich ein Kämpfer oder ein Selbstmordattentäter sein will», sagt der 18-Jährige, der inzwischen in einem Gefängnis in Bagdad sitzt. Er entschied sich für den Kampf.

In dem Trainingscamp seien viele Ausländer gewesen, erinnert er sich. Sie verbrachten den Tag mit Gebeten, Lektionen über die Scharia, Sport und Kampftraining. Anfang September ergab sich Abdul-Rahman und wurde von irakischen Soldaten festgenommen.

Einem tunesischen Rekruten, Ali, gelang im Winter 2013 die Flucht. Er war als Kurier eingesetzt und transportierte innerhalb von drei Wochen vier Mal Botschaften, Geld und Propaganda-Videos zwischen Syrien und Tunesien hin und her. Auf dem letzten Trip in sein Heimatland blieb er einfach dort. «Ich habe das Gefühl, als sei ich ein Terrorist gewesen», sagt Ali. «Ich bin schockiert über das, was ich getan habe.» Sein Rat für alle, die in den Jihad ziehen wollen: «Gebt Euer Leben nicht für nichts auf.»

Schwierige Beurteilung

Wie Alis Heimatland Tunesien und andere nordafrikanische Staaten stehen auch europäische Länder vor der schwierigen Beurteilung, ob Rückkehrer noch eine Terrorgefahr darstellen. Die deutschen Behörden schätzen etwa 30 von 180 ehemaligen Kämpfern als extrem gefährlich ein. Die britische Polizei nahm 165 frühere Jihadisten fest. In Frankreich wurden 154 Rückkehrer festgenommen, etwa 3000 weitere stehen unter Überwachung. «(Für viele in Frankreich) gehören die Rückkehrer bestraft und damit basta», sagt die französische Justizministerin Christiane Taubira. «Aber das sind Menschen, die Aussagen machen und andere abhalten können.»

Von den 400 Rückkehrern in Tunesien werden die meisten polizeilich beobachtet, Festnahmen sind selten. Von aussen betrachtet ist Ghaith ein freier Mann. Er fühlt sich aber nicht so. An seiner Kehle ist noch die Narbe von der Messerverletzung zu sehen. «Das ist keine Revolution und kein heiliger Krieg», sagt er. «Das ist ein Abschlachten.»

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