Ein Land versinkt in der Finsternis

Vier Jahre Krieg haben Syrien arg zugesetzt. Wie schlimm es um das Land steht, zeigen auch Bilder aus dem Weltall. In der Nacht bleibt Syrien fast komplett dunkel.

Satellitenbilder zeigen, wie viele Lichter seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien verschwunden sind. Slider in der <a href="http://mynewsnet.ch/interactive/2015/syriaSlider/" target="_blank">Vollbild-Ansicht</a> öffnen.

In Syrien gehen die Lichter aus: Chinesische und amerikanische Forscher haben anhand von Satellitenbildern untersucht, wie sich der Krieg auf die Beleuchtung bei Nacht ausgewirkt hat. Das Resultat: Seit März 2011 hat sich die Anzahl der aus dem All sichtbaren Lichter um 83 Prozent verringert.

Beinahe komplett von der nächtlichen Bildfläche verschwunden ist Syriens zweitgrösste Stadt Aleppo, in der nach wie vor heftige Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen toben.

Die Kämpfe um die syrische Stadt Aleppo haben in den letzten Tagen an Intensität zugenommen. (Video: Reuters)

Forschungsleiter Xi Li von der chinesischen Universität Wuhan sagt, die Bilder aus 600 Kilometer Höhe würden dabei helfen, das tägliche Leid der syrischen Bevölkerung zu begreifen.

Xi Li hat bereits letzten Oktober eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht und dabei den Zeitraum zwischen März 2011 und Februar 2014 untersucht. In Zusammenarbeit mit einer Koalition von 130 NGOs hat er die Ergebnisse auf den neusten Stand gebracht.

In Rakka, das die Terrormiliz Islamischer Staat zur Hauptstadt ihres selbst ernannten Kalifats ausgerufen hat, sieht es nicht viel besser aus. Dort sind Li zufolge 96 Prozent der Lichter ausgegangen. Und selbst die Regierungshauptstadt Damaskus hat 35 Prozent ihrer nächtlichen Strahlkraft verloren.

Weil Wolken und andere Faktoren die einzelnen Satellitenaufnahmen beeinflussen, ist Li dazu übergegangen, für jeden Monat den Durchschnitt der nächtlichen Beleuchtung darzustellen. So zeigen seine Aufnahmen, wie der Bürgerkrieg zwischen der Regierung von Präsident Baschar al-Assad, der gemässigten und der radikalen Opposition um sich greift und das Land zerstört.

«Satellitendaten lügen nie - die Menschen in Syrien brauchen Hilfe»Xi Li, Geograf an der Universität Maryland

Die Grausamkeit von Konflikten hat Li bereits vor mehr als 20 Jahren mit Hilfe nächtlicher Satellitenaufnahmen anschaulich gemacht. Als 1994 in Ruanda mehr als 800'000 Menschen ermordet wurden, gingen 80 Prozent der Lichter des zentralafrikanischen Landes aus. Den einzigen Unterschied zu Syrien sieht Li heute darin, dass die Lichter in Ruanda binnen sieben Monaten erloschen, während es in Syrien vier Jahre dauerte. «Das zeigt aber auch, dass das Leiden des syrischen Volkes viel länger dauert», schrieb Li in einer E-Mail.

Was der Zusammenbruch der Stromversorgung bedeutet, schildert ein Zahnarzt aus einer Vorstadt von Damaskus. «Wir leben sei 900 Tagen ohne Strom», sagt der Mann, der seinen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennen will. Wer wegen Stromausfalls einen Tag lang auf seinen gewohnten Kaffee verzichten müsse, finde das bereits schwer erträglich. In seiner Gemeinde aber müssten ganze Schulen und Krankenhäuser seit fast drei Jahren ohne Strom arbeiten.

Geograf Li hat indessen ein weiteres Forschungsfeld für seine Methode gefunden: Syriens Nachbarn Irak.

jha/SDA

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