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Eine Million Einwohner leben in ständiger Todesangst

Die irakische Armee erobert den Osten von Mosul. Mit dem bevorstehenden Angriff auf den Westen der Millionenmetropole wird sich die humanitäre Katastrophe weiter verschärfen.

An Zeitpläne hat man sich im Nahen Osten noch nie gehalten. ­Anfang Januar, frohlockte der Sonderbeauftragte des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama für die globale ­Koalition gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS), Brett McGurk, würden die Militäroperationen in Mosul ­abgeschlossen sein. Der US-General ­rechnete mit «zwei Monaten», um Obamas wenig berauschende Nahostbilanz mit einem Sieg gegen die Terrororganisation etwas aufzuhübschen. Vergangen sind inzwischen fast drei Monate, in denen sich die von lokalen Milizen und kurdischen Peshmerga-Milizionären unterstützte «Goldene» Elitedivision der irakischen Armee durch Mosul kämpft.

Ihre Verluste sind so gewaltig, dass sie von der Regierung unter Verschluss gehalten werden. Das Blut der vielen irakischen Märtyrer, heisst es in Bagdad optimistisch, sei «nicht vergebens geflossen». Zu Wochenbeginn wurde das Ostufer des Tigris, der durch Mosul fliesst, erreicht und damit der östliche Teil der Millionenmetropole fast vollständig erobert. Die Kämpfer der Terrormiliz reagierten mit der Sprengung von einer der fünf Tigris-Brücken. Zwei weitere wurden vermint, nachdem die Jihadisten über die Brücken in den Westen der Stadt geflohen waren. Während des Rückzuges wurden Zivilisten erneut als menschliche Schutzschilde missbraucht.

Die gut eine Million Einwohner von Mosul müssen Höllenqualen erdulden, leben in ständiger Todesangst. Nicht nur Flucht, sondern auch die Benutzung eines Handys wird vom IS mit meist sofortiger Hinrichtung an öffentlichen Plätzen bestraft. Dennoch haben seit dem Beginn der Offensive 120'000 Menschen Mosul in die östlich gelegenen Kurdengebiete verlassen. Die dort errichteten Flüchtlings­lager sind überfüllt, die Zelte können nur ungenügend beheizt werden. Die Versorgung mit Trinkwasser und Grundnahrungsmitteln ist ungenügend. Trotz internationaler Hilfe sind die kurdischen Behörden mit dem Ansturm der Flüchtlinge völlig überfordert.

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen gehen davon aus, dass sich die humanitäre Katastrophe noch verschärfen wird, wenn die irakische Armee den dichter besiedelten, aber flächenmässig kleineren Westen von Mosul angreift. Eine Kapitulation der von Feinden umzingelten Terrormiliz wird ausgeschlossen. Wie in den letzten drei Monaten im Osten werden die auf 6000 geschätzten Kämpfer des IS auch im Westen der Grossstadt erbitterten Widerstand leisten. Schutz bietet ihnen ein ausgedehntes Tunnelsystem.

Zur Abwehr der Regierungsoffensive ­wurden bereits mehr als 800 Selbstmordattentäter eingesetzt. Auch mit kleinen Kampfdrohnen versuche der IS die Regierungsoffensive aufzuhalten, berichtet der amerikanische Oberst Brett Sylvia, der eine Einheit von US-Beratern in der Region Mosul kommandiert. Ihre Zahl soll auf 450 verdoppelt werden, damit der Vormarsch der irakischen Armee beschleunigt wird.

Positiv auf die Offensive könnte sich auch die in den letzten Tagen erfolgte Annäherung zwischen der Türkei und der Regierung in Bagdad auswirken. Auslöser des Streites zwischen den Nachbarstaaten war die Stationierung türkischer Soldaten nordöstlich von Mosul ohne die Zustimmung von Bagdad. Diese sei mit dem Segen der irakischen Kurden erfolgt, behauptete die türkische Regierung, die nun offenbar «die Souveränität des Irak» über den Stützpunkt akzeptieren will.

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