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Im Jordantal ist der Frieden weit weg

Palästinenser im Westjordanland und israelische Siedler erwarten nichts von Trumps Friedensplan.

Alexandra Föderl-Schmid, Ariel
Wer Richtung Jordantal unterwegs ist, muss zurzeit an mehreren Checkpoints halten: Israelische Soldaten im Jordantal. Foto: Reuters
Wer Richtung Jordantal unterwegs ist, muss zurzeit an mehreren Checkpoints halten: Israelische Soldaten im Jordantal. Foto: Reuters

Die Soldaten an den Bushaltestellen rund um Ariel in West­jordanland haben die Waffen im Anschlag, auch wenn keine Fahrgäste warten, sondern nur Autos vorbeifahren. Wer Richtung Jordantal unterwegs ist, muss an diesem Tag an mehreren Checkpoints halten. Es sind auffällig viele Fahrzeuge der Armee und der Grenzpolizei unterwegs. Auch in arabischen Dörfern wie al-Auja sind schwer bewaffnete Soldaten zu zweit zu sehen.

Die Lage ist angespannt im Westjordanland. Dabei ist Gil ­Rosenblum «wegen des ruhigen Lebens hier» vor sieben Jahren mit seiner Frau zurückgekehrt aus Jerusalem ins Jordantal; mit ihr hat er zwei Kinder. «Wenn die draussen herumlaufen, muss ich mir keine Sorgen machen.» Der 35-Jährige ist in Naama nahe der palästinensischen Stadt Jericho geboren. Er nennt es ein Dorf, für andere ist es eine Siedlung im von Israel besetzten Westjordanland. 50 Familien leben hier, «und wir wachsen», freut sich Rosenblum.

Gil Rosenblum. Foto: PD
Gil Rosenblum. Foto: PD

Wie schon sein Vater arbeitet er in der Landwirtschaft. Das Schild «Naama Kräuter» weist von der Strasse 90, die entlang des Jordantals führt, den Weg zur Halle, wo es nach Basilikum ­duftet, sobald man die Tür öffnet. Eine Palästinenserin mit Kopftuch ist gerade dabei, die frische Ernte in Büschel zu binden. Datteln, Weintrauben und Gurken werden hier für den Verkauf sortiert. Je nach Erntezeit hat er zwischen 30 und 40 Arbeiter beschäftigt, die meisten sind ­Palästinenser.

Bauern auf dem Schachbrett

Was er vom Nahostplan von US-Präsident Donald Trump hält, gemäss dem das Jordantal und die Siedlungen im Westjordanland zum israelischen Staats­gebiet werden sollen? «Für mich als Bürger des Jordantals ändert sich gar nichts, wenn das nun ­offiziell als Teil Israels genannt wird oder nicht. Mein normales Leben wird sich gar nicht ändern. Ich feiere auch nicht.» Die Regierenden würden ohnehin nur «mit Bauern spielen, wie auf einem Schachbrett».

Er sei «kein grosser Fan von Trump», beteuert Rosenblum. Aber er respektiere ihn als Geschäftsmann. Die Palästinenser hätten alle Vorschläge abgelehnt, auch jene der israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak und Ehud Olmert, die für die Palästinenser noch mehr Gebiet vorgesehen hätten. «Trump sagt zu den Palästinensern, es geht nicht, dass ihr alles bekommt. Nehmt es, oder lasst es!»

Nicht einmal drei Kilometer weiter an der Strasse 90 hat der Palästinenser Momen Sinokrot seine Halle. Hier in al-Oja ist der Sitz von «Palestine Gardens». 17 Palästinenser, der Grossteil davon Frauen, sortieren Datteln, waschen sie und verpacken die Früchte in Kisten. Was er vom Nahostplan von US-Präsident Donald Trump hält, womit das Jordantal und die Siedlungen im Westjordanland zum israelischen Staatsgebiet werden sollen? «Gar nichts. Das ist einseitig. Das Jordantal ist für uns so wichtig wie jedes andere Gebiet in Palästina. Aber wir glauben ohnehin nicht, dass das umgesetzt wird.»

Moment Sinokron. Foto: PD
Moment Sinokron. Foto: PD

Der Betrieb des 37-Jährigen aus Jericho steht im A-Gebiet, das zur Gänze von Palästinensern verwaltet wird. «Da wird sich gar nichts ändern», ist Sinokrot überzeugt. Aber die Plantagen, wo die Datteln wachsen, sind allesamt auf C-Gebiet, also unter vollständiger israelischer Kontrolle. Von 45 verschiedenen Bauern aus der Gegend bekommt er die Datteln zur Weiterverarbeitung.

Ob die Bauern besorgt seien, wenn Israel, wie angekündigt, demnächst mit der Annexion beginne? Da bricht es dann doch aus ihm heraus: «Natürlich hätte das Auswirkungen, wir alle wären betroffen. Wenn wir keine Datteln mehr hätten! Das ist die Ressource für unser Unternehmen.» Denn im A-Gebiet, das stark verbaut sei, könne man kaum Landwirtschaft betreiben. Und wenn, dann sei es sehr ­teuer. «Die Palästinenser kümmern sich nicht so um den Plan. Wir sind nicht besorgt, denn dieser Plan ist schlicht etwas, was nicht machbar ist, was nicht umsetzbar ist in der Realität.»

Er verweist auf die palästinensische Führung: auf Präsident Mahmoud Abbas, der «tausendmal Nein» zu diesem Plan gesagt und prophezeit habe, dieser werde «im Mülleimer der Geschichte landen». Auch die im Gazastreifen regierende radikalislamische Hamas lehnt den Plan ab. Im Gazastreifen und in Teilen des Westjordanlands wurden Flaggen und Bilder von Trump verbrannt. «Es wird weiter Widerstand der palästinensischen Führung geben und seitens der Bevölkerung», sagt Sinokrot und fügt hinzu: «Deshalb kommt dieser Plan nicht.»

Es geht ums Wasser

Auch wenn Rosenblum versichert, dass das Jordantal «eine friedliche Gegend» sei, so gibt es doch seit Jahren Streit zwischen den 8100 Israelis und den 53000 Palästinensern, die hier leben. Es geht nicht nur um Land, sondern vor allem auch um die kostbare Ressource Wasser in dieser Weltgegend, die unter dem Meeresspiegel liegt und wo es im Sommer 40 Grad und mehr hat. Das Jordantal hat einen fruchtbaren Boden, Palästinenser und Israelis betreiben hier Landwirtschaft. Sinokrot beklagt, dass die Siedler 24-mal mehr Wasser in diesem von den Israelis kontrollierten Gebiet zur Verfügung gestellt bekämen. Rund 66 Prozent der israelischen Datteln stammen aus dieser Gegend, schätzt Rosenblum.

Jüngst gab es einen Disput darüber, dass die EU auf einer Kennzeichnung besteht, die sie als Produkte aus den Siedlungen ausweisen. «Das sind israelische Produkte», sagt der Israeli Rosenblum. «Das sind Siedlerprodukte, die den Palästinensern gestohlen wurden», sagt der Palästinenser Sinokrot. Rund 2000 Tonnen Datteln pro Jahr verkauft der palästinensische Betrieb, rund 100 Tonnen der israelische – zusätzlich zu bis zu 500 Kilogramm Kräuter pro Tag.

Die beiden sind nur wenige Kilometer voneinander entfernt, getroffen haben sie sich noch nicht. Der Palästinenser sagt über die israelischen Nachbarn: «Sie haben ihre Träume, wir haben unsere. Aber sie können ihre Vorstellungen nicht einfach durchsetzen.»

Der Israeli sagt über die Palästinenser: «Sie müssen nicht unsere besten Freunde sein, aber wir müssen ein Auskommen finden. Wir werden nicht vor hier weggehen, und sie werden nicht von hier weggehen. Wir müssen einen Weg finden, miteinander zu leben.»

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