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Irakische Chemiewaffen in der Hand des IS?

Laut einem Medienbericht lagern im Irak noch Chemieraketen aus Saddam Husseins Arsenal. Die USA wussten davon – und hielten die Informationen unter Verschluss. Jetzt könnten die Waffen im Besitz von Jihadisten sein.

Entdeckten irakische Chemiewaffen: Soldat an der Grenze zu Kuwait vor dem Abzug der US-Truppen. (Archivbild)
Entdeckten irakische Chemiewaffen: Soldat an der Grenze zu Kuwait vor dem Abzug der US-Truppen. (Archivbild)
Reuters

Es ist eine bittere Aussage, wenn man bedenkt, was Chemiewaffen anrichten können. «Nicht existierende Verletzungen», hervorgebracht durch «nicht existierende Stoffe» - damit umschreibt der ehemalige US-Sergeant Jarrod L. Taylor scherzhaft die noch existierenden Chemiewaffenbeständen im Irak. Dabei hat der Amerikaner hautnah miterlebt, wie zwei seiner Soldaten Brandwunden erlitten, als sie mit dem veralteten Arsenal von Ex-Machthaber Saddam Hussein in Berührung kamen. Über zehn Jahre lang wusste das US-Militär um diese Bestände – und liess die Öffentlichkeit darüber im Unklaren. Dies geht aus einem heute veröffentlichten umfassenden Bericht der «New York Times» (NYT) hervor.

Die US-Zeitung machte insgesamt 17 amerikanische Soldaten sowie sieben irakische Polizisten ausfindig, die nach dem Beginn des Irakkrieges 2003 einem chemischen Kampfstoff ausgesetzt gewesen waren – und oftmals nach wie vor an den Folgen leiden. Mehr als 5000 Granaten und Raketen mit chemischen Kampfstoffen wie Senfgas oder Sarin sollen die US-Streitkräfte nach dem NYT-Bericht zwischen 2004 und 2011 entdeckt haben.

Diese stammen dem Bericht zufolge aus Beständen, die während des Iran-Irak-Kriegs in den 80er-Jahren verwendet wurden. Damals betrieb Saddam Hussein ein Chemiewaffenprogramm, das aber 1991 eingestellt worden war. Im Gegensatz zu den syrischen Chemiewaffen, die in Russland oder der Sowjetunion gebaut wurden, stammt das irakische Arsenal aus westlicher Produktion.

Kopfschmerzen und Schwindel

Damit gab es zwar kein aktives Chemiewaffenprogramm mehr, als die USA 2003 im Irak einmarschierten. Doch die alten Überreste sind offenbar nach wie vor im ganzen Land verteilt – ein Detail, das den Amerikanern bekannt war. Doch sowohl Waffenexperten als auch das US-Aussenministerium unterschätzen offenbar die Gefahr, die von den Geschossen und Raketen ausging. So ist in dem Bericht von Bomben die Rede, die mutmassliche Al-Qaida-Anhänger aus alten Chemiewaffen gebaut haben sollen.

Die NYT dokumentiert ausserdem mehrere Fälle, in denen Soldaten nach einer Explosion über verschiedene Schmerzsymptome wie Kopfschmerzen und Schwindel klagten. Andere trugen nach Kontakt mit chemischen Stoffen Verletzungen davon, die laut eigenen Angaben nie angemessen behandelt wurden. Die jetzt publizierten medizinischen Berichte wurden später als geheim eingestuft und der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht.

Chemiewaffen unter IS-Kontrolle?

Wie die NYT weiter schreibt, soll das US-Militär die Informationen absichtlich unter Verschluss gehalten haben. Soldaten wurden angehalten, nicht von ihren Funden zu berichten. Bei ihrem Abzug aus dem Irak 2011 versäumten es die Amerikaner wohl, das ihnen bekannte Chemiewaffenarsenal zu vernichten. Im Hinblick auf den Vormarsch der IS-Miliz in mehreren Teilen Iraks scheinen die Enthüllungen besonders brisant.

Mehrere der mutmasslichen Fundorte sollen sich inzwischen unter Kontrolle des sogenannten Islamischen Staates (IS) befinden. Im Sommer eroberten die Jihadisten das al-Muthanna State Establishment nordwestlich von Bagdad – ein ehemaliger Chemiewaffenkomplex, wo vermutlich noch immer Sarin-Raketen neben Senfgas-Geschossen verrotten.

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