Papst hält flammende Rede für Migranten

Franziskus sprach bei seinem Besuch in Marokko über den Wert «eines jeden Lebens» und den Status von Jerusalem als heilige Stadt.

Begrüssung per Handschlag: Papst Franziskus mit Frauen in Rabat.

Begrüssung per Handschlag: Papst Franziskus mit Frauen in Rabat.

(Bild: Keystone)

Papst Franziskus hat am Wochenende Marokko besucht. Neben dem interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen war die Migration ein zentrales Thema der zweitägigen Reise. Das Wohl der Migranten liegt Papst Franziskus besonders am Herzen.

Eine der zentralen Botschaften seiner Marokko-Reise verkündete der Papst nicht auf der prunkvollen Esplanade von Rabat vor Tausenden geladenen Gästen, sondern in einem schmucklosen Raum der Caritas vor etwa 60 Migranten: «Ihr seid keine Aussenseiter, ihr seid in der Herzmitte der Kirche.»

Mit einem flammenden Appell forderte Papst Franziskus am Samstag die internationale Gemeinschaft auf, mehr legale Möglichkeiten für die Migration zu schaffen. Marokko ist ein wichtiges Transitland für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa.

«Hier geht es um das Bild, das wir als Gesellschaft abgeben wollen, und um den Wert eines jeden Lebens», sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche und sprach beim Umgang mit Flüchtlingen von der «grossen und schweren Wunde» des 21. Jahrhunderts.

Bei anderer Gelegenheit sagte er, die Migration sei «ein Phänomen, das sich niemals dadurch lösen wird, indem man Barrieren baut, die Angst vor dem anderen verbreitet oder indem man denen Unterstützung versagt, die sich mit Recht erhoffen, dass sie ihre und die Lage ihrer Familien verbessern können».

Jerusalem als heilige Stadt

Das Wohl der Migranten liegt Papst Franziskus besonders am Herzen. Neben der Migration war der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen zentrales Thema der zweitägigen Reise am Wochenende.

In zwei Monaten ist dies bereits der zweite Besuch des Papstes in einem muslimischen Land. Anfang Februar hatte der Argentinier in den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammen mit dem Grossimam der islamischen Al-Azhar-Moschee ein historisches Dokument des interreligiösen Dialogs unterschrieben.

Die erste Reise in den Maghreb kann als Fortsetzung dazu gesehen werden. Franziskus und Mohammed VI. unterzeichneten am Samstag eine Erklärung, in der sie den Status Jerusalems als heilige Stadt der drei monotheistischen Weltreligionen bekräftigen. Der interreligiöse Dialog ist ein Thema, das sich Marokkos König ebenfalls auf die Fahne geschrieben hat. Er selbst bezeichnet sich als «Oberhaupt der Gläubigen» und meint damit nicht nur die rund 35 Millionen marokkanischen Muslime, sondern auch die etwa 0,9 Prozent Christen und die wenigen Juden im Land. Entsprechend hoffte der marokkanische Monarch auf symbolträchtige Bilder mit dem Pontifex.

Im strömenden Regen

Aber Papst Franziskus und das Wetter machten Mohammed VI. einen Strich durch die Rechnung. Es regnete in Strömen, als die beiden - Franziskus im Papamobil, der König in einer schwarzen Limousine - am Samstag über die breiten und frisch hergerichteten Boulevards der marokkanischen Hauptstadt fuhren. Am Strassenrand winkten Hunderte Menschen den beiden zu. Hinter einer Reihe von Menschen ging das Leben jedoch weiter wie gewohnt. Für die meisten Marokkaner spielte der Papstbesuch keine grosse Rolle.

Dafür aber für die zahlreichen Migranten, die sich auch auf dem Esplanade-Platz unter dem markanten Hassan-Turm von Rabat eingefunden hatten. «Es ist ein grosser Moment für uns», sagte eine Frau namens Veronique. «Wir haben eine Menge Probleme, als Migranten akzeptiert zu werden.»

Marokko auf Hauptroute

Zwar betonen Nichtregierungsorganisationen, dass mittlerweile mehr Migranten legal in Marokko leben können. Allerdings gibt es auch immer wieder Kritik am punktuell harten Vorgehen und Deportationen von Flüchtlingen durch die marokkanischen Sicherheitskräfte. So wurden mehrfach Flüchtlinge im Norden des Landes aufgegriffen und in Bussen in südliche Landesteile gebracht - weit weg von der Küste und Europa. Das westliche Mittelmeer zwischen Marokko und Spanien ist nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex inzwischen die Hauptroute, seit die Überfahrt von Libyen nach Italien immer schwieriger geworden ist. Das spanische Festland ist an der engsten Stelle nur 15 Kilometer entfernt.

Mit Blick auf das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Konfessionen sagte der König am Samstag, die Realität der Welt mache deutlich, dass der Dialog zwischen Christen, Muslimen und Juden ungenügend sei. «Der Dialog dauert seit langer Zeit an, und trotzdem hat er sein Ziel noch nicht erreicht.» Auch Papst Franziskus rief alle Gläubigen dazu auf, die Probleme der Welt gemeinsam anzugehen. «In diesem Land, einer natürlichen Brücke zwischen Afrika und Europa, möchte ich einmal mehr die Notwendigkeit von Kooperation betonen.»

Grösste katholische Messe

Die Gläubigen müssten zudem vereint gegen Fanatismus und Extremismus stehen, sagte Franziskus. Im Krieg in Syrien haben sich auch viele Marokkaner der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen. In Marokko ist der Islam Staatsreligion. Laut Vatikan sind dort nur rund 23'000 Menschen katholisch.

Die meisten von ihnen sind zugezogen, entweder aus Europa oder aus Ländern südlich der Sahara. Ihnen sprach Franziskus am Sonntag in der Kathedrale von Rabat Mut zu - und forderte sie auf, sich für Arme, Ausgegrenzte und Migranten einzusetzen. Dies sei auch ein Weg, mit den Muslimen in Dialog zu treten und zusammenzuarbeiten. Für Franziskus war es die erste Reise nach Marokko. Vor ihm besuchte Papst Johannes Paul II. 1985 das nordafrikanische Königreich. Zum Abschluss des Papstbesuchs stand eine Messe vor Tausenden Gläubigen in einem Sportkomplex in Rabat auf dem Programm. Laut Vatikan sollte es die grösste katholische Messe werden, die je auf marokkanischem Boden gefeiert wurde.

red/sda

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