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Vom Hoffnungsträger zum Mörder

Nach langer Flucht sitzt er nun in Haft: Saif al-Islam, der bekannteste Sohn von Muammar al-Ghadhafi. Früher präsentierte er sich als Reformer und sprach oft von Bürgerrechten – doch dann kam der grosse Aufstand.

Spricht Englisch, Deutsch und etwas Französisch: Der gefasste Sohn von Muammar al-Ghadhafi, Saif al-Islam. (Archivbild)
Spricht Englisch, Deutsch und etwas Französisch: Der gefasste Sohn von Muammar al-Ghadhafi, Saif al-Islam. (Archivbild)
Keystone

Saif al Islam Ghadhafi galt früher als das gute Gesicht im als Schurkenstaat verschrieenen Land Libyen. Er griff oft zu Worten wie Demokratie und Bürgerrechten. Als die Libyer aber ab Februar auf die Strasse gingen, um genau dies einzufordern, stellte er sich hinter seinen Vater, der den Aufstand brutal niederschlagen wollte.

Der zweitälteste Sohn des ehemaligen libyschen Machthabers Muammar al-Ghadhafi tauchte unter, als Tripolis Ende August an die Revolutionstruppen fiel. Sein Aufenthaltsort blieb unbekannt, auch nachdem Ghadhafi Ende Oktober gefasst und getötet worden war. Am Samstag schliesslich meldete ein libyscher Kommandeur, Saif al Islam sei gemeinsam mit zwei Helfern festgenommen worden, die ihn über die Grenze ins benachbarte Niger schleusen wollten. Er wurde den Angaben zufolge in die libysche Stadt Sintan gebracht. Der libysche Justizminister der Übergangsregierung, Mohammed al Alagi, bestätigte die Festnahme gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Der Internationale Strafgerichtshof hat Saif al-Islam und dem früheren libyschen Geheimdienstchef Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Dabei ging es um die Niederschlagung des Aufstands, der Mitte Februar begann und schliesslich zu einem Bürgerkrieg eskalierte. Dieselben Vorwürfe wurden auch gegen Muammar al Ghadhafi erhoben. Der Internationale Strafgerichtshof hatte nach eigenen Angaben zeitweise in indirekten Verhandlungen mit Saif al-Islam gestanden, der sich möglicherweise einem Prozess stellen wollte.

Rivalität mit Bruder Muatassim

Saif al Islam war anders als seine Geschwister, die besser für ihren teils exzentrischen Lebenswandel als für ihre beruflichen Erfolge bekannt waren. Er wurde in Grossbritannien ausbildet und spricht fliessend Englisch. Westliche Intellektuelle fanden Gefallen an Seif al Islam, der seine Gemälde in Galerien in der ganzen Welt ausstellte und stets von Demokratie und Entwicklung sprach.

Er galt lange als wahrscheinlicher Nachfolger seines Vaters an der Spitze des libyschen Staates, ein Mann, der das Land modernisieren und reformieren würde. Dabei stiess er jedoch auch auf Widerstand, bei den Hardlinern des Regimes und seinem jüngeren Bruder Muatassim, der vom Vater zum Nationalen Sicherheitsberater berufen wurde.

Muatassim wurde gemeinsam mit seinem Vater am 20. Oktober getötet. Bereits zuvor kamen die jüngeren Brüder Seif al Arab und Chamis ums Leben. Ein anderer Sohn Gaddafis, al Saadi, floh im September in den Niger, wo die Regierung ihn als Flüchtling betrachtet. Ihre Mutter Safija und die Schwester Aischa flohen nach Algerien.

Warnung vor «Flüssen aus Blut»

Seif al Islam wollte auch die Beziehungen seines Landes zum Westen normalisieren. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP sprach er 2008 davon, Libyen von einer Ein-Mann-Herrschaft in einen demokratischen Rechtsstaat zu verwandeln. Am Ende war er aber doch der Sohn seines Vaters.

In einer im Fernsehen übertragenen Rede fünf Tage nach Beginn des Aufstands in Bengasi warnte Seif al-Islam vor «Flüssen aus Blut», sollten die Demonstranten die von der Regierung vorgeschlagenen Reformen nicht akzeptieren. «Wir werden kämpfen bis zum letzten Mann, bis zur letzten Kugel», sagte er. «Wir werden Libyen nicht verlieren.»

Mit dieser 40 Minuten langen Rede wurde Seif von einer Hoffnungsfigur zu einem flüchtigen Verbrecher, der vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wurde.

Ausbildung in Österreich und England

Seif al-Islam wurde 1972 als ältestes von sieben Kindern von Muammar und Safija Gaddafi geboren. Er hat noch einen älteren Halbbruder, Mohammed. Seif studierte Ingenieurwesen in Libyen und Wirtschaftswissenschaft in Österreich. Er schloss seine Ausbildung mit einem Master und einem Doktorat an der London School of Economics 2008 ab.

Doch schon in den 90er Jahren engagierte er sich politisch und wurde Präsident der Gaddafi-Stiftung. Diese trat in zahlreichen Konflikten als Vermittler auf und förderte die Annäherung zwischen Libyen und der internationalen Gemeinschaft. Seif traf oft als Gesandter des Regimes auf. 2002 und 2003 war er an den Verhandlungen beteiligt, an dessen Ende Libyen auf Massenvernichtungswaffen verzichtete und damit die jahrelange Isolation des Landes langsam beendete.

Für seine öffentliche Rolle zahlte er jedoch in seiner Heimat und in seiner Rivalität mit Muatassim einen Preis. In einem diplomatischen US-Kabel, das von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht wurde, hiess es 2009, seine Rolle als Gesicht des Regimes sei für Seif al-Islam als zweischneidiges Schwert. «Sie hat sein Ansehen gefördert, aber viele Libyer betrachten ihn als selbstherrlich und zu begierig, Ausländern auf Kosten der libyschen Interessen zu gefallen.»

dapd/wid

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