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Wo die internationale Hilfe noch nicht angekommen ist

Spenden bringt doch nichts. Das Geld kommt nicht an und wenn, dann sicher nur ein ­kleiner Teil. Wirklich? Wie ein Ostermundiger ins Krisen- und Hungerland Somalia reiste und dort das Gegenteil bewies.

Frauen schöpfen Trinkwasser und Hoffnung im Flüchtlingslager Makoon am Rande der Stadt Baidoa im ostafrikanischen Dürre- und Krisenland Somalia.                       Dank Spenden aus der Schweiz.
Frauen schöpfen Trinkwasser und Hoffnung im Flüchtlingslager Makoon am Rande der Stadt Baidoa im ostafrikanischen Dürre- und Krisenland Somalia. Dank Spenden aus der Schweiz.
Christian Zeier
Yahya Dalib, seit zehn Jahren in Ostermundigen wohnhaft, hilft in Baidoa seinen somalischen Landsleuten.
Yahya Dalib, seit zehn Jahren in Ostermundigen wohnhaft, hilft in Baidoa seinen somalischen Landsleuten.
Christian Zeier
Ein Tanklastwagen mit Wasser rettet die Entkräfteten, die nach tagelangen Fussmärschen das Camp Makoon erreicht haben.
Ein Tanklastwagen mit Wasser rettet die Entkräfteten, die nach tagelangen Fussmärschen das Camp Makoon erreicht haben.
Christian Zeier
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Yahya Dalib steht in der brennenden Mittagshitze Somalias und schaut zu, wie Wasser aus einem Tanklaster fliesst. Dutzende Frauen in bunten, langen Tüchern haben sich um das Auffangbecken versammelt. Jetzt schöpfen sie Wasser mit kleinen Behältern in gelbe Plastikkanister und tragen es zu ihren Hütten.

Für die Menschen im Flüchtlingslager Makoon am Rande der Stadt Baidoa im Südwesten Somalias ist es die erste Wasserlieferung seit Tagen. Bezahlt wurde sie von Spendern aus der Schweiz. Organisiert von Yahya Dalib, Gründer der Hilfsorganisation Help Somali, wohnhaft in Ostermundigen.

Spendenfluss dank TV

«Schon verrückt, wie schnell das gegangen ist», sagt Dalib mit Blick auf den Tanklaster. Am vergangenen Abend hat er einen Anruf von seiner Frau bekommen: Weil das Schweizer Fernsehen über seine Reise berichtet habe, seien zusätzliche Spenden eingegangen.

«Meist ist es schwierig, die Leute davon zu überzeugen, dass Spenden wirklich ankommen.»

Yahya Dalib

Also hat Yahya Dalib die Regierung in Baidoa kontaktiert und eine Wasserlieferung organisiert. Weniger als 24 Stunden nach Zusage der Spenden hält der erste Tanklaster im Camp Makoon. Der Preis: 90 Franken. Sechzig Familien lassen sich davon zwei Wochen lang mit Trinkwasser versorgen. «Meist ist es schwierig, die Leute davon zu überzeugen, dass Spenden wirklich ankommen», sagt Dalib. «Aber hier ist es offensichtlich.»

Bomben statt Ferienidyll

Drei Tage zuvor steht Yahya Dalib am Flughafen von Istanbul und wartet auf den Flug nach Mogadiscio. Das Gate ist noch geschlossen, als die neuesten Nachrichten aus der somalischen Hauptstadt eintreffen: mindestens 15 Tote bei einem Bombenanschlag der Terrormiliz al-Shabaab. Seit die neue Regierung im Februar an die Macht gekommen ist, haben die Islamisten ihre Angriffe wieder intensiviert. Für die Menschen in Mogadiscio sind Anschläge längst Teil ihres Alltags.

Für Dalib hingegen ist das eine fremde Welt. 1975 in Somalia geboren, floh er Anfang der 1990er-Jahre vor dem Bürgerkrieg. Seit 1999 lebt er in der Schweiz, seit mehr als zehn Jahren mit seiner Frau in Ostermundigen. Hier hat er sich bestens integriert, arbeitet im Asylbereich und engagiert sich in seiner Freizeit in verschiedenen Organisationen.

«Den Ärmeren zu helfen, war schon immer Teil unserer Familienkultur», sagt Dalib. Zudem sei die gute Tat im islamischen Glauben fest verankert. Seit Jahren engagiert er sich in der Schweiz für das Wohlergehen seiner Landsleute. 2010 gründete er für sie eine Anlauf-, Vermittlungs- und Beratungsstelle. 2012 erhielt er für sein Engagement den Förderpreis für Integration der Stadt Bern.

«Den Ärmeren zu helfen, war schon immer Teil unserer Familienkultur.»

Yahya Dalib

Einzelne Projekte werden von den Behörden unterstützt, doch den Grossteil der Arbeit leistet Dalib ehrenamtlich. Das Engagement für die Dürreopfer ist so gesehen die logische Fortsetzung seiner Bemühungen.

Mehr als 8000 Franken hat Dalib innert kürzester Zeit gesammelt. Für die Reise nach Somalia hat er die Ferien mit der Familie geopfert, das Flugticket hat er ebenso selbst bezahlt wie die Übernachtungen im Hotel. «Jeder gespendete Franken fliesst in die Hilfe», sagt er und lacht.

Tod auf der Flucht

Es ist ein Dienstag Mitte April, Tag drei in Somalia, als Yahya Dalib erstmals mit der Realität in Baidoa konfrontiert wird. Kurz nach 14 Uhr fährt er in einem schwer bewaffneten Konvoi aus weissen Toyota-Pick-ups durch ein Tor auf ein ummauertes Gelände im Stadtzentrum.

Sechzig Frauen haben sich hier eingefunden, um die erste Lebensmittellieferung von Help Somali entgegenzunehmen. «Ins Camp zu fahren, wäre zu gefährlich gewesen», erklärt Colonel Abdulnaser Sharif Jamaldin, Sicherheitsbeauftragter des Bundesstaates Südwestsomalia. «Wenn nicht genug Essen für alle verteilt wird, kann es zu Unruhen kommen.»

Während auf dem Gelände die Lebensmittelverteilung beginnt, sucht Yahya Dalib das Gespräch mit den Frauen. Eine Mutter erzählt ihm, dass sie mit ihrer Familie die 90 Kilometer aus ihrem Dorf nach Baidoa zu Fuss zurückgelegt habe. Drei von sechs Kindern seien auf dem Weg gestorben. «Aber wir hatten keine Wahl», sagt sie. Weil es während zweier Jahre kaum geregnet hat, ist ihr Vieh verdurstet, und die Felder sind vertrocknet.

Einmal die Stadt St. Gallen

Laut UNO sind in Somalia mehr als 6 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Allein nach Baidoa sollen im März 70'000 Menschen geflohen sein. Das ist, als würde innert eines Monats die ganze Stadt St. Gallen dort Zuflucht suchen.

Kein Wunder, sind die lokalen Institutionen überfordert. Ständig entstehen neue Camps am Rande der Stadt ­– wo heute noch Wüste ist, könnte morgen eine Zeltstadt stehen. Die Menschen leben in ärmlichsten Verhältnissen. Aus Kleidern, Holz und Tüchern bauen sie Hütten, die zu klein sind, als dass man darin aufrecht stehen könnte, und zu schmal dafür, ausgestreckt zu schlafen.

«Wenn ich Ihnen jetzt sage, um wie viele Menschen wir uns in Baidoa kümmern, sind es am Abend bereits tausend mehr.»

Abdelfatah Ibrahim

«Wenn ich Ihnen jetzt sage, um wie viele Menschen wir uns in Baidoa kümmern, sind es am Abend bereits tausend mehr», sagt Hassan Abdi Mohammed, Informationsminister des Bundesstaates Südwestsomalia. Trotz der aussichtslosen Lage täten Regierung und Bevölkerung alles, was ihrer Macht stehe, um den Neuankömmlingen zu helfen.

«Von der internationalen Hilfe hingegen ist bislang wenig zu sehen.» Während die UNO etwa in den Camps in Mogadiscio warmes Essen verteilt und ein ­digitales Geldtransfersystem aufbaut, gehen die Menschen in Baidoa weitgehend leer aus. Das hat mit der Sicherheitslage zu tun.

Vergessenes Land

Während einige Regionen im Norden des Landes – Somaliland oder Puntland etwa – stabiler und besser erreichbar sind, erschwert die Präsenz von al-Shabaab im Süden die Hilfsaktionen. Zwar werden Städte wie Baidoa von den Truppen der Afrikanischen Union geschützt, doch wenige Kilometer ausserhalb beginnt das Einflussgebiet der Terrormiliz. «Da hinaus gehen auch wir nur mit grossen Militärkonvois», sagt Colonel Abdulnaser Sharif Jamaldin. «Die UNO würde das schon gar nicht wagen.»

So bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als den gefährlichen Weg in die Stadt auf sich zu nehmen. Dort landen sie in Camps, in denen von der Nahrung über das Wasser bis hin zu Kochstellen und Toiletten fast alles fehlt. Aufgrund mangelnder Hygiene kommt es zum Ausbruch von Krankheiten. An Cholera und ähnlichen Krankheiten sind seit Anfang Jahr offiziell 550 Menschen gestorben. Die Dunkelziffer dürfte massiv höher sein.

«In unserer Region gab es den bislang schlimmsten Choleraausbruch des Landes», sagt Abdelfatah Ibrahim, Leiter des Regionalspitals in Baidoa. Er führt Yahya Dalib durch das Cholerabehandlungszentrum, zeigt ihm Mütter, die ihren kranken Kindern in der Hitze Luft zuwedeln. «Die Menschen kommen aus 150 Kilometern Entfernung zu uns», sagt Ibrahim. «Aber wir haben zu wenig Ressourcen. Falls nicht bald etwas passiert, sterben viele an Mangelernährung.»

Hoffnung in der Krise

Schlechte Erreichbarkeit, Wassermangel, tödliche Krankheiten – diese Krisenfaktoren erinnern an 2011, als bei einer Hungersnot in Somalia mehr als 250 000 Menschen starben. Doch es gibt auch Hoffnung. Der Einfluss von al-Shabaab hat sich verringert, wodurch mehr Regionen besser zugänglich geworden sind. Zudem ist die Reaktion der Internationalen Gemeinschaft früher und umfangreicher erfolgt.

«Wir haben zu wenig Ressourcen. Falls nicht bald etwas passiert, sterben viele an Mangelernährung.»

Abdelfatah Ibrahim

Einerseits wurden laut UNO seit Januar fast 600 Millionen Dollar zur Verhinderung der Hungersnot zur Verfügung gestellt. Andererseits setzt sich ein Trend fort, der schon 2011 begonnen hat: Organisationen aus muslimischen Ländern sowie lokale Helfer aus Somalia springen dort in die Bresche, wo die UNO nicht operieren kann.

«Vor allem die somalische Diaspora hat viel dazugelernt in den letzten Jahren», sagt Yahya Dalib. Es werde mehr Geld gesammelt, und mehr Organisationen aus der Diaspora seien in Somalia aktiv. Auch er habe mit seiner Reise die Somalier im Ausland aufrütteln wollen. «Ich wollte zeigen, dass wir etwas tun ­können für unser Land.»

«Somalia braucht Stabilität»

Yahya Dalib sitzt vor einem Hotel in Mogadiscio und schmiedet Pläne für die nächste Reise. Es ist sein letzter Tag in Somalia. Wasser und Lebensmittel konnte er verteilen, in einem Camp wurden mit seinen Spenden Toiletten gebaut. «Aber Somalia kann nicht jedes Jahr von neuem um Hilfe rufen», sagt der Ostermundiger. Deshalb will er künftig Projekte unterstützen, die den Vertriebenen eine Rückkehr in ihre Dörfer ermöglichen.

Und: Er will sich dafür engagieren, dass in Somalia endlich Ruhe einkehrt. «Das Land braucht Stabilität, dann kann es solche Krisen selbst bewältigen», sagt er. Bedingung dafür sei, dass sich die oft zerstrittenen Clans und Regionen des Landes zu einer starken Zentralregierung bekennen. Dalibs Traum für sein Heimatland: ein föderales Modell nach Schweizer Vorbild.

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