«Den Geiseln die Freiheit, den Menschen die Wahl»

Trotz Regens fordern in Moskau Zehntausende faire Regionalwahlen. Es ist die grösste genehmigte Demonstration, die in Russland je stattgefunden hat.

Trotz Regens gingen in Moskau Zehntausende auf die Straße, um für freie Wahlen zu demonstrieren.

Trotz Regens gingen in Moskau Zehntausende auf die Straße, um für freie Wahlen zu demonstrieren.

(Bild: Reuters)

Wettermässig bietet der Sommer in Moskau in diesem Jahr nicht die besten Bedingungen für Strassenproteste, denn es regnete viel in diesem Juli, und im August änderte sich daran bislang wenig.

Und auch in der Nacht auf diesen Samstag setzte ein Dauerregen ein, der zunächst überhaupt nicht mehr aufhören wollte. Für die Organisatoren der Grossdemonstration am Sacharow Prospekt für faire und freie Wahlen zum Stadtparlament am 8. September war das sicher keine gute Nachricht. Denn die Massenkundgebung war für 100'000 Teilnehmer angemeldet worden, was durchaus als Signal zu verstehen war: Noch nie hat es in Russland eine genehmigte Protestaktion mit so vielen Menschen gegeben. Die Veranstalter könnten daher durchaus nervös geworden sein: Was, wenn dieses erhoffte Zeichen der Stärke nun buchstäblich ins Wasser fallen würde, weil viele potenzielle Teilnehmer lieber zu Hause bleiben, als sich einregnen zu lassen?

Wenn diese Sorge tatsächlich bestanden haben sollte, so erwies sie sich als unbegründet. Zunächst zeigte der Wettergott ein wenig Gnade, denn zu Beginn der Demonstration um 14 Uhr Moskauer Ortszeit liess der Regen etwas nach. Doch auch stärkerer Niederschlag hätte die Menschen, die in Scharen auf den zugigen und nassen Demonstrationsort strömten, nicht abgehalten.

Noch lange nach dem offiziellen Beginn der Kundgebung kamen sie aus der nahe gelegenen Metrostation Komsomolskaja auf den Versammlungsort. Vor den Personenkontrollen der Polizei staute es sich. Es dauerte 20 Minuten, um überhaupt auf das Gelände zu gelangen. Gekommen waren Bürger aller Altersgruppen, auch Eltern mit ihren Kindern. Am Ende zählte die Veranstaltung nach Angaben der Nichtregierungsorganisation White Counter 49'900 (nach offiziellen Schätzungen: 20'000) Teilnehmer, die meisten von ihnen ganz normale friedliche Einheimische aus der Mittelschicht. Damit war es die grösste Demonstration, die in Russland von den Behörden bislang genehmigt wurde.

Die Menschen sind seit Wochen aufgebracht, weil die Wahlkommission Oppositionskandidaten von dem Urnengang zum Moskauer Stadtparlament wegen Formfehlern ausschloss, die ganz offensichtlich vorgeschoben sind.

Grösster Aufruhr seit den Bolotnaja-Unruhen

Zur Wahl für die 45-Sitze-Kammer stehen nun wieder nur Kandidaten, die der Kreml-nahen Partei «Einiges Russland» angehören oder ihr verbunden sind. Deswegen gehen die Menschen in Moskau seit Mitte Juli auf die Strasse. Am 20. Juli gab es am Sacharow Prospekt aus demselben Anlass bereits eine genehmigte Grosskundgebung mit 22'500 Teilnehmern. An den zwei darauffolgenden Wochenenden kam es am 27. Juli und am 3. August zu ungenehmigten Protestaktionen, die mit massiven Polizeieinsätzen unterbunden und bei denen mehr als 2000 Menschen vorübergehend festgenommen wurden. Inzwischen hat sich die Protestwelle zum grössten öffentlichen Aufruhr seit den offiziell als illegal eingestuften Unruhen am Bolotnaja-Platz in den Jahren 2011/2012 ausgewachsen, als die Menschen gegen eine manipulierte Parlamentswahl und gegen die dritte Amtszeit von Wladimir Putin in Scharen auf die Strasse gingen.

Viele Bürger wollen es einfach nicht mehr hinnehmen, dass es keine Alternative zur Staatsmacht gibt, wie sie der Kreml vorgibt. Die Vertreter von «Einiges Russland» werden als so korrupt und inkompetent angesehen, dass viele von ihnen inzwischen vorgeben, sie seien unabhängige Kandidaten. Die immense Arroganz der Macht bei gleichzeitigem Stillstand bringe die Menschen auf, sagt die Moskauer Politologin Lilia Shevtsova, und das brachten die Teilnehmer der Massendemonstration an diesem Samstag unmittelbar zum Ausdruck: «Ich bin wütend», stand auf vielen Schildern, die die Protestierenden in die Höhe hielten. Auf anderen Transparenten war zu lesen: «Mir ist es nicht egal», «Ich habe das Recht auf meinen Kandidaten», «Alle für einen und einer für alle» oder «Den Geiseln die Freiheit, den Menschen die Wahl».

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